Die Post bringt allen was – bloß wann?

13. Juni 2021

Ein Vorchdorfer Spezialproblem ist die Postzustellung nicht. Doch im weitläufigen Gemeindegebiet mit entlegenen Ortschaften und Streusiedlungen zeigen sich die schwärenden Strukturprobleme des Unternehmens wie unterm Brennglas. Mehr noch als die Postkund*innen in der Gemeinde haben Zusteller*innen darunter zu leiden.

Orientierungshilfe für Ortsunkundige vom Postkunden

Die Zeitung kommt nicht heute, sondern morgen. Wenn’s gut geht. Der Packen Werbung, längst abbestellt und per Pickerl als unerwünscht markiert, verstopft dennoch den Briefkasten. Auch noch dabei: Ein Brief für den Nachbarn – richtig adressiert, falsch eingeworfen. Wer nicht selbst davon betroffen ist, hat zumindest aus dem eigenen Umfeld davon gehört. In Vorchdorf wie anderswo.

Die österreichische Post hat ein gewaltiges Problem. „Wenn’s wirklich wichtig ist, dann lieber mit der Post.“ – Der vor über zehn Jahren propagierte Werbespruch sollte „das abstrakte Unternehmen Post erlebbar machen und emotional aufladen“, so die offizielle Kommunikationsstrategie. Das ist gelungen, allerdings anders als gedacht.

Vom sozialen Nahversorger zum Big Business

Wer den Slogan heute googelt, stößt vielfach auf Wut, Zorn und Häme über ein Unternehmen, das offenbar komplett abgehoben hat. Und das trotz Briefträger*innen vor Ort, die jeden Tag am Limit und darüber hinaus hackeln. An ihnen liegt es nicht. Woran dann?

Vor rund einem Vierteljahrhundert hörte die Post auf zu sein, was sie war, und wurde eine gewinnorientierte AG. Ein Briefträger wie der legendäre Oswald Cecon, 40 Dienstjahre, der auf seiner Tour immer wieder auch kurz Sozialarbeiter, Seelsorger, Altenhelfer und Nach-dem-Rechten-Schauer war, ist längst undenkbar. Es war aber ein Stück Lebensqualität und aufs Ganze gesehen für die Gemeinschaft wertvoll.

Doch zu seiner Zeit war Vorchdorf noch in 10 statt heute 6–7 Rayons aufgeteilt, mit je 180–220 „Abgabestellen“, also Briefkästen. Heute sind es 400 bis weit über 500. Die galoppierende Fluktuation der Zusteller*innen hängt mit häufigen Zusatztouren wegen Personalmangels zusammen. Dabei sind Schichten von 12, 13 Stunden an der Tagesordnung.

Fehler passieren häufig durch Aushilfen und Vertretungen, für deren Einweisung nicht selten die Zeit fehlt. Gerade draußen in den Ortschaften herrscht oft ein „Hausbrauch“ für die Zustellung, den man halt kennen muss. Der extreme Stress führt zu Kündigungen schon nach wenigen Monaten. Ein Teufelskreis.

Ohnmacht bei Kunden und Postpersonal

Es grenzt an ein Wunder, dass der größte Teil der Post dennoch halbwegs richtig ankommt. Ärgerlich wird es, wenn sich wichtige Sendungen verspäten, für die man extra zahlt, damit sie am nächsten Tag garantiert ankommen. Offiziell sind Zusteller*innen verpflichtet, dafür zu sorgen – egal wie. Inoffiziell soll ihnen nahegelegt werden, sich den Extraaufwand zu schenken, wenn der Überstundenzettel schon zu lang ist.

Beschwerden? Sollten sinnvollerweise bei der Stelle landen, wo die Touren eingeteilt werden. Das ist schon lange nicht mehr in Vorchdorf, sondern in einem Pettenbacher Gewerbegebiet. Diese Stelle ist aber für Kund*innen auf Tauchstation. Nicht einmal die Vorchdorfer Post hat Kontakt dorthin – man hält dafür aber bogenweise Aufkleber mit der Nummer der Hotline für den Postkundenservice bereit. Offenbar herrscht dafür rege Nachfrage.

Gelingt es, dorthin durchzudringen, wird man freundlich in der Luft hängen gelassen. Bestenfalls wird eine „Nachschulung“ der betreffenden Zusteller*innen versprochen. Häufen sich Beschwerden in bestimmten Gebieten, findet mitunter ein „Audit“ also eine gezielte Überprüfung der Zustellqualität statt. Dabei soll – es gilt die Unschuldsvermutung – schon mal eine rechtzeitige Verständigung an die Basis dafür sorgen, dass nicht ausgerechnet beim Audit allzu viel danebengeht.

Kein Wunder also, dass die Situation in Vorchdorf sich mit der allgemeinen Diagnose in Österreich deckt. Im Bewertungsportal „Trustpilot“ erhält die Post bei über 900 Stimmen von 88 % ein „Ungenügend“. Noch breiter als in Vorchdorf konstatiert landesweit das Onlinemagazin „Futurezone“ die Misere, unter Hinweis auf wenig rechtliche Möglichkeiten der Kund*innen. Auch beim Konsumentenmagazin „Help“ des ORF-Radios Ö1 ist die Post nicht selten Thema.

Der Fisch stinkt vom Kopf, das dürfte der Vorchdorfer Bevölkerung glücklicherweise klar sein. Denn dass die Männer und Frauen an der harten Zustellfront für die Folgen einer katastrophalen Personalpolitik die Prügel einstecken müssen, kommt, wenn überhaupt, höchst selten vor. Die Machtlosen stehen auf derselben Seite.

INVO.report hat für diesen Bericht unter Zusicherung der Anonymität eine Reihe von Gesprächen geführt und ergänzend im Internet recherchiert. Der Autor kann einen Großteil der geschilderten Zustände aus eigener Erfahrung bestätigen.

Wie geht es dir mit der Postzustellung? – Benutze die Kommentarfunktion oder schreib uns an postfach@invo.report

7 Gedanken zu „Die Post bringt allen was – bloß wann?

  1. Regina Wunderer-Sperer

    Ich habe leider auch sehr negative Erfahrungen mit der Postzustellung. Wobei ich vorab feststellen will, dass mir die Post viel sympatischer wäre,als diverse Paketzusteller, deren Mitarbeiter unter schlechten Arbeitsbedinungen und zu geringen Löhnen arbeiten. Allerdings scheinen sich die Arbeitsbedingungen für Postmitarbeiter in den letzten Jahren auch sehr verschlechtert zu haben, größere Rayons zu betreuen zu sein. Wir merken einen häufigen Wechsel der Postzusteller, was sich natürlich auch schlecht auf die Verlässlichkeit der Zustellung auswirkt.
    Wir wohnen immer schon in Vorchdorf, unsere Adresse hat sich nie geändert, in den letzten Jahren hat sich die Brief- und Paketzustellung der Post rapide verschlechtert. Meistens bekommen wir nur einmal in der Woche unsere gesamte Post auf einmal. Es gab schon Wochen ganz ohne Post (die Wochenzeitung der Vorwoche wurde dann gleichzeitig mit der der aktuellen Woche ausgeliefert), Pakete sind überhaupt nicht zugestellt worden und verschwunden, der Versender hat es einfach auf Kulanz nocheinmal neu geschickt. Wenn wir bei der Post urgieren, dann bekommen wir zwei, drei Wochen täglich unsere Post und dann kommt wieder der Rhythmus mit „Zustellung einmal die Woche“.
    Wir haben übrigens Werbesendungen abbestellt, ist das vielleicht auch mit ein Grund für die sehr dosierte Zustellung? Unseren Nachbarn geht es übrigens auch nicht viel besser.

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  2. Elisabeth Steinbach

    Die steigenden Paketzahlen der letzten Jahre sind zum Teil auf die wachsende Beliebtheit des Onlinehandels in allen Bereichen, vor allem während der Corona-Pandemie, zurückzuführen. Das ist nicht immer nur schlecht, auch aus ökologischer Sicht kann es sinnvoll sein, etwas online zu bestellen, anstatt eine weite (Auto-)Fahrt zu unternehmen (meist aus ländlichen Gebieten in Richtung Ballungszentren), nur um 1 bestimmtes Produkt kaufen zu können, während die Post bzw. Paketdienste die Pakete effizient und routenoptimiert zustellen könnten. Das wird leider oft vergessen in den Diskussionen um Einkauf im Online- oder stationären Handel.

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    1. Michael Praschma Beitragsautor

      Ja, stimmt. Ein Problem, für das nun wieder die Post nichts kann, sondern der Privatisierungswahn: Im Extremfall kommt z. B. bei uns – hinterste Einschicht! – erstmal die Post, neulich sogar in zweierlei Gestalt (Briefe und Pakete), und dann über den Tag verteilt bis zu drei verschiedene Paketdienste. Wenn die wiederum der Ansicht sind, es sei keiner da, fahren sie wieder und kommen eventuell nochmal. Meist aus Hörsching. Das ist dann so richtig rationelle Lieferlogistik. Wenn ich Kaiser wäre, würde ich die Post wieder als Monopol einführen, gescheit ausstatten, und gut ist.

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  3. Arm.In.Wolfff

    (Name ist der Redaktion bekannt.)
    Ich wohne seit 5.475 Tagen an der gleichen Adresse in Vorchdorf. Wenn ich 3, 4 Mal ein Problem mit der Post hatte, dann ist das viel. Fehler, liebe Leute, passieren überall. Und wenn ich mal den Brief vom Nachbarn im Kasterl hatte, ja und, denn bringe ich ihn vorbei. Man bekrittelt ja immer nur, wenn was daneben geht, wenn´s passt, sagt keiner was, denn das ist selbstverständlich. Was ich dagegen im gleichen Zeitraum an Erlebnissen mit Paketdiensten hatte, dafür reicht der Platz hier nicht aus. Auch die Darstellung, dass die Post nur noch ein profitorientierter Betrieb sei, muss wohl relativiert werden. Als ehemals rein staatlicher Betrieb benötigte man mEn. jede Menge an Zuschüssen und ganz Österreich hat sich beschwert. Nun als teilstaatlicher, börsenotierter Betrieb ist Leistung notwendig – so wie bei den meisten österreichischen Arbeitgebern und -nehmern. Dass dazu auch Veränderungen gehören, ist eine hinlänglich bekannte Zeiterscheinung. Mir sind diese Berichte daher deutlich zu einseitig – oder gibt es ein Sponsoring von GLS, DPD & Co.?

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    1. Michael Praschma Beitragsautor

      Leider wird der INVO.report von den genannten Paketdiensten nicht gesponsert. 😉 Das Ergebnis unserer Nachforschungen ist aber unabhängig davon so, wie es nun einmal ist: Beides stimmt (und kommt in der Repotage auch vor) – die meiste Post erreicht die Leute korrekt, wobei allerdings eine Fehlerquote wie bei dir mit 3–4 mal in 15 Jahren ein statistischer Ausreißer im positiven Bereich sein dürfte. Und die Klagen über das System haben bei allen Beteiligten – Bedienstete wie Kundschaft – stark zugenommen.
      Was auch stimmt: Im Paketversand wird die Post besser bewertet als die reinen Paketdienste. Unterm Strich stimmen aber sowohl mediale als auch individuelle Beobachtungen so deutlich überein, dass auch dein (an sich zutreffender!) Hinweis, dass Kritik einfach mehr und lauter hervorkommt als Zufriedenheit, die Post nicht wirklich rettet.

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  4. Rosa Mair

    Auch ich hatte vor kurzem wieder Ärger mit der Post. Ich erwartete vom Krankhaus Wels eine CD von einem MR. Diese CD kam 2 x bei mir zerbrochen an, weil der Briefträger/in diese in die Zeitungsrolle presste, statt in den unmittelbar darüberliegenden Postkasten zu werfen. Das Krankenhaus war nett und sandte diese CD zum 3. Mal an meine Hausärztin, was dann klappte. Zusätzlich ärgerlich, weil fast der Termin bei der Orthopädin verstrichen wäre.
    Reklamation persönlich bei der Post ergab, das Krankenhaus soll besser verpacken und ich soll einen Zettel an die Zeitungsrolle hängen, dass die Post in den Postkasten zu werfen sei. Weiters hatte Herr Kronberger noch die Idee, ob man die kaputten CD`s nicht doch noch irgendwie lesen könnte. Ich resignierte!

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    1. Michael Praschma Beitragsautor

      Danke, dass du deine Erfahrungen beigesteuert hast! Ohne zu wissen, wer bei euch gerade zustellt: Ein solcher Fehler passiert warhrscheinlich kaum Briefträger*innen, die gut eingearbeit und mit ausgiebiger Erfahrung im Dienst sind. Das Problem besteht darin, dass das inzwischen eher die Ausnahme ist.

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