3. August 2025
Der Kulturverein Guten Morgen Vorchdorf (GUMV) ist Thema der INVO.report-Sommerserie zu Geschichte und Geschichten aus dem Ort. In Folge 4 geht es noch einmal um einzelne Veranstaltungen – aber diesmal um die vier, die vielleicht doch in einmaliger Weise Wetter gemacht haben. Nicht nur vom Wetter her.

Die Inhalte: oft bunt gemischt, manchmal auch ins Schwarze getroffen und, sehr selten, ein rotes Tuch für manche.
Das grundsätzliche Wohlwollen der Gemeindepolitik gegenüber GUMV wurde nur selten von Meinungsverschiedenheiten strapaziert. Kuriositätswert – ohne nachhaltige Eintrübung der Beziehungen – hatte dabei ein Geplänkel um den Auftritt der Osttiroler Blasmusikgruppe Franui am 3. Mai 2001.
„Musik für Totengräber“ hieß das Programm
Die originell besetzte und musikalisch erstklassige Formation hatte klassische Trauermärsche (also das, was zum Begräbnisrepertoire jeder ganz normalen Blasmusik gehört) ordentlich und höchst eigenwillig verfremdet. Dazu gab es verbindende Worte zum Hintergrund der Kompositionen ebenso wie zu teils unfreiwillig komischen Ereignissen am offenen Grab, die ebenfalls jeder Blasmusiker in irgendeiner Form aus eigener Erfahrung kennt. Das Konzert war zur Förderung durch den Kulturausschuss vorgesehen.
Doch dazu kam es nicht. Obschon selbst Mitglied und langjähriger Kapellmeister der Marktmusik, hatte der damalige Obmann des Kulturausschusses Erwin Radner – wohlgemerkt, nur auf Grundlage des Veranstaltungstitels! – den Verdacht geschöpft, hier werde mit andachtsvollen Trauerritualen Schindluder, Spott und Hohn getrieben. Die Gemeinde würde in Misskredit gebracht, wenn sie so etwas förderte. Einen Beschluss seines Ausschusses dazu hatte er zwar nicht in der Hand, und GUMV fand das Ganze kulturpolitisch auch höchst befremdlich, fügte sich aber und ließ das Konzert unterfinanziert stattfinden, übrigens mit besten Kritiken und völlig beschwerdefrei.
„Haider = Hitler“ (?)
Deutlich mehr politischer Wirbel war nach der Lesung des Autors und Journalisten Hans-Henning Scharsach ausseinem Buch „Haiders Kampf“ am 10. Februar 1994 am Tanglberg zu verzeichnen. In jenem Jahr standen Nationalratswahlen an, und die FPÖ hatte sich nicht zuletzt auch in Oberösterreich auf die „linken Kulturinitiativen“ eingeschossen. Obwohl dezidiert parteipolitisch neutral, sah GUMV als Mitglied des Dachverbands KUPF, der für einige prominente Freiheitliche ein rotes Tuch war, die erreichten kulturpolitischen Standards im Land gefährdet. Die Lesung sollte gegensteuern, und das Buch „Haiders Kampf“, seit 1992 auf dem Markt, hatte die Feuerprobe bereits bestanden: Es galt als gesichert, dass Haider unbelegbare Aussagen Scharsachs gerichtlich hätte untersagen lassen, wenn es denn möglich gewesen wäre. Es war allerdings offenbar nicht möglich.
Die Lesung selbst verlief zivilisiert, aber vor allem ein Mann sah nun tatsächlich „rot“. Sein Leserbrief in der Salzkammergut Zeitung unter dem Titel „Multikultureller Schwachsinn“ gab dem Anliegen des Vereins und den Aussagen Scharsachs zehnmal mehr Aufmerksamkeit, als sie sonst je im Ort, ja im ganzen Bezirk hätten erregen können. Scharsach wurde als „in linken und jüdischen (!) Kreisen bekannter Autor“ bezeichnet, seine Lesung als „linke Sudelrede, die von Hass, Verleumdungen, (…) und linken Phantastereien geprägt war“. Dieser Art von „linkem Meinungsterror“ würden alle Patrioten „entschieden und mit aller Härte“ entgegentreten.
Der Patriot hieß Franz Moosbrugger und zeichnete für den Leserbrief als Pressereferent der FPÖ Vorchdorf verantwortlich. Die allerdings wollte mit derart drastischen Formulierungen nicht nur nichts zu tun haben; der damalige Ortsparteiobmann Adolf Kammerleithner erklärte darüber hinaus, der Leserbrief Moosbruggers diene „nicht dem traditionell guten politischen Klima im Ort“. Er gab aus freien Stücken eine respektable Ehrenerklärung für GUMV ab: Er selbst würde dieser „guten und überparteilichen Einrichtung (…) auf entsprechende Aufforderung hin beitreten“. Ein klärendes Gespräch zwischen FPÖ und Salzkammergut Zeitung wurde allerdings erforderlich, weil peinlicherweise in einem Zwischentitel des Veranstaltungsberichts das Fragezeichen fehlte. Stehen sollte da eigentlich eine Frage, die Scharsach behandelt, aber so nicht beantwortet hatte, nämlich „Haider = Hitler“ – ohne Fragezeichen!

Auch Bandnamen und Programmtitel erregten oft schon Aufmerksamkeit.
Man könnte wie gesagt auch noch ein Dutzend oder noch mehr weitere „besondere“ Veranstaltungen würdigen, und das wäre kein Eigenlob, sondern Publikumsmeinung – doch genug! Zwei noch, zwei Unikate in ihrer Art!
Weib, Wein und kein Gesang, sondern besonders besonders

Notlösung: Barock mit Freibad-Sonnenschirm
Es hat bei GUMV keine Frauenquote gegeben, weder im Vorstand, wo sie entbehrlich war, noch in der KünstlerInnenauswahl, wo das Geschlecht als Auswahlkriterium sicher nicht an oberster Stelle stand. Aber wo sich die Gelegenheit bot, bekamen doch solche Veranstaltungen „Vorfahrt“, die Weiblichkeit in der Kunst geziemend in den Vordergrund rückten. Ein Paradebeispiel dafür war das Konzert „Women 4 Baroque“ am 27. Juli 2007. Es fand im Innenhof der Kitzmantelfabrik und bei so gutem Wetter statt, dass man (so etwas geht in Vorchdorf) ad hoc Mengen an Sonnenschirmen aus dem Freibad entlieh, um gröbere Hitzeopfer im Publikum zu vermeiden. Das beeinträchtigte zwar die Sicht, aber nicht die musikalische Qualität des erstens mit vier Frauen schon ungewöhnlich besetzten Ensembles, das zweitens auch noch ausschließlich von Frauen komponierte Stücke aus der Barockzeit präsentierte. Damit erklärt sich auch der Hintergrund des Wortspiels im Veranstaltungstitel.
Diese wie auch die Veranstaltung „Wein und Architektur“ gut ein halbes Jahr später waren Beispiel dafür, dass persönliche Vorlieben der Veranstalter oft nicht der schlechteste Kompass für gelungene Programme sind: Weinliebhaber:innen haben stets eine starke Fraktion im Vereinsvorstand gebildet, und es gab damals innerhalb dieser Fraktion auch einen ambitionierten Architekten bei GUMV. Der Gedanke, beide Bereiche einmal zusammenzubinden, lag also nahe. Man entschied sich, zwei Winzer samt ihren Weinen zu präsentieren, die in ihren Weingütern architektonisch anspruchsvolle Um- oder Neubauten umgesetzt hatten: Kommentierte Lichtbilder der Bauten und eine Verkostung waren zu erleben. Der äußere Rahmen durfte architektonisch dabei nicht abfallen, und so landete GUMV auch einmal mit einer Veranstaltung im Musikheim Siebenbürger – selbst eines der bedeutendsten regionalen Neubauten dieser Zeit.
In der nächsten Folge geht es um einige der nicht weniger als 22 verschiedenen Räume, die GUMV in Vorchdorf bespielt hat – einige davon erlangten (auch traurige) Berühmtheit, anderen wurde manche Träne hinterhergeweint. Mit etlichen verbinden sich jedenfalls Geschichten, die erzählenswert sind.

Danke für den schönen Rückblick. Franui, die hochkarätige Musikbanda, bereits 2001 nach Vorchdorf zu bringen, mit KUPF und Frauenquote zu arbeiten,… das beweist schon ein besonderes Talent der Veranstalter:innen von GUMV. Kompliment nachträglich.