Ein Ortsbildpreis für (nicht ganz) Vorchdorf

6. August 2025

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Vorchdorf im September den „OÖ. Ortsbildpreis 2025“ gewinnt. Das Voting dafür läuft noch bis zum 24. August. Es geht allerdings nicht um das gesamte Ortsbild, wie man bei flüchtigem Hinschauen denken könnte.

Abb.: vorchdorfonline.at/Gerhard R.

Da steht zwar „Ortsbildpreis für Vorchdorf!“, doch Vorchdorfonline – hier findet sich auch der Link zum  täglichen (!) Voting – weist korrekt darauf hin, dass es sich um die Bewerbung für „Das Gwölb“ handelt. Tatsächlich haben auch die anderen teilnehmenden Gemeinden nur einzelne Bereiche innerhalb des Ortsgebiets zur Abstimmung nominiert.

Im Fall des Gwölbs handelt es sich bekanntlich darum, dass die Gemeinde einen unschönen Leerstand beendet hat, der nach der Schließung des Uhren- und Schmuckgeschäfts Mischkreu entstanden ist. Der unzweifelhaft attraktive Schlossplatz, sozusagen der Kern des Ortskerns, ist durch die wahrscheinlich kleinste Bäckerei mit Café im Lande nicht nur optisch aufgewertet, sondern auch belebter als zuvor.

Kommentar: Anlass zu loben und zu fragen

Warum also nicht voten – allein schon, um den bisher deutlichen Stimmenvorsprung gegenüber den weiteren Gemeinden zu halten oder vielleich sogar komfortabel auszubauen! Der Preis für Vorchdorf wäre sicher kein Nachteil. Geht man allerdings noch einmal vom spontanen Fehlschluss aus, es ginge tatsächlich um den gesamten Ort, oder nimmt an, Vorchdorf erhielte den Preis, wäre das vielleicht ein Anlass zum Nachdenken.

Denn wenn man den Schlossplatz verlässt, gleich in welche Richtung, hat ja doch die Idylle schnell ein Ende. Zumindest gibt es quasi Kratzer im Lack. Hinter dem Gemeindeamt gähnt seit Jahren die Asphaltwüste des Manglberger-Grunds. Bei der Zieglböckkreuzung harrt das ehemalige „Giovanni“ des baldigen Abrisses, bei der Denkkurve geht auf dem „1-Euro-Grundstück“ nichts weiter. Die in den letzten Jahren hochgezogenen neuen Wohnbauten sind für sich genommen zweckmäßig, in ihrer weißen, schnörkellosen Rechteckigkeit allerdings ohne jede Rücksicht auf so etwas wie das gebaute Ambiente errichtet. Und Entwürfen nach zu schließen, wird das auch für die neue Wohnanlage am Tanglberg gelten, eine Straßenzeile, die bisher immerhin noch einigermaßen ein „Gesicht“ aufweist. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Das Problem ist kein Vorchdorfer Spezifikum, und die Ursache ist österreichweit bekannt, ohne dass das etwas hülfe: Die Bürgermeister:innen als erste Bauinstanz müssten sich unbeliebt machen, um durchzusetzen, was in vielen anderen europäischen Ländern selbstverständlich ist und oft auf den ersten Blick auffällt: Gestaltungssatzungen!

Es gehört natürlich architektonisches Stilempfinden dazu, um dafür zu sorgen, dass sich nicht jeder seins aus dem Musterkatalog der Baumeister zusammenwurstelt: hier ein gewollter, aber nicht gekonnter Tiroler Bergbauernhof, daneben eine toskanische Villa in Minaturausführung, dort wieder ein moderner Holzbau usw. Aber es geht, man sieht es ja woanders – und zwar ohne dass alles 08/15 weitergebaut wird wie vor 100 oder mehr Jahren.

Es müsste sich halt jemand finden, der zumindest ambitioniert ist, dem grassierenden baulichen Banausentum in den Arm zu fallen und an einem Ortsbild zu basteln, das auch als Ganzes ein Renommee wäre.

Michael Praschma

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