Sommerspecial #6: „Optisch-akustischer Spießrutenlauf“ für das Publikum – das gab’s auch

13. August 2025

Der Kulturverein Guten Morgen Vorchdorf (GUMV) ist Thema der INVO.report-Sommerserie zu Geschichte und Geschichten aus dem Ort. Folge 6 setzt mit wechselvollen Beispielen die Bergung von Erinnerungen an teils ausgefallene, teils zauberhafte, teils geschmacklich umstrittene Veranstaltungsorte fort, mit denen das Publikum im Laufe der Jahre Bekanntschaft machte.

Folk, Film, Kabarett, Kindertheater … die Vielzahl der Zielgruppen war für das „Marketing“ des Kulturvereins wegen der Streuverluste der damals noch komplett analogen Werbung nicht einfach.

… Stilistisch noch intimer als im Cafe Zwirn, jedenfalls aber in ihrer Art nicht weniger atmosphärisch dicht waren im Novum die Matineen, später auch Abendveranstaltungen, und im Gasthaus Schauflinger die seit 1998 bis zuletzt überwiegend durchgeführten Generalversammlungen des Vereins.

Hätte man angesichts des Plakats ahnen können, war aber dann auch kein Problem: Die Aufführung der Aristophanes-Kömödie fand teils „oben ohne“ statt.

Allerdings war die Beziehung zu den traditionellen örtlichen Veranstaltungsstätten durchaus wechselvoll: Die Wirtshäuser hatten schon lange, bevor GUMV auf den Plan trat, Kultur in allen denkbaren Formaten in ihren Sälen zu Gast. Da traf allerdings Tradition auf Tradition. Die Ansprüche von GUMV hingegen waren nicht selten etwas komplizierter. Überraschend: Das Problem waren dabei praktisch nie die bislang an diesen Orten buchstäblich unerhörten Kunstdarbietungen selbst. Auch zum Beispiel unbedeckte Brüste der Darstellerinnen der „Lysistrata“ vermochten bei Wirtsleuten und Personal der Hoftaverne Ziegelböck keineswegs Ohnmachts- oder Empörungspotential freizusetzen. Konfliktstoff boten hingegen unterschiedliche Auffassungen über das Handling von Künstlern oder Besuchern sowie unvereinbare ästhetische Ideale. Ein Wirt spürt es ja, wenn sich einzelnen Vertretern eines Veranstalters in seinem Haus die Fußnägel aufrollen, weil sie die ganze Einrichtung jenseitig finden. Und er wird sich vielleicht mit Recht fragen, warum diese dann nicht woanders hingehen.

Das „Vorchdorfer Klima“ ermöglichte auch kulturelle Vielfalt

So sind Geschmäcker und Standards mitunter derart unvermittelt aufeinandergeprallt, dass man sich rückblickend wundern muss, dass die Konflikte dennoch nicht wirklich aus dem Ruder gelaufen sind. Öffentlich genug wären sie gewesen, bis auf mediale Ebene: „Der optisch-akustische Spießrutenlauf vorbei an Schwarzenegger-Filmplakaten und blökenden Videospielen hin vor die öde Bühne eines typischen Land-Kinos…“ prägte den Eindruck des Kulturredakteurs der Salzkammergut Zeitung Josef Aigner vom ersten GUMV-Konzert im noch archaischen Kinosaal Denk 1991. So etwas liest keiner gern vom eigenen Haus. Man hat sich aber in allen Fällen immer wieder oder zumindest bis zum nächsten Fauxpas vertragen. Das besagte Gasthaus Denk etwa war jahrelang und unverdrossen Sponsor des Kulturvereins. Oder, anderes Beispiel, die Familie Ziegelböck war oft durchaus unkonventionellen Lösungen zum beiderseitigen Vorteil nicht abgeneigt. So durfte der Verein einen durchaus als Rumpelkammer geltenden Raum hinter der Bühne selbst renovieren und diesen solange mit zusammengewürfeltem Mobiliar ausstatten, bis er als Künstlergarderobe dienen konnte.

Es gab in den 90-ern im Ort das geflügelte Wort vom Vorchdorfer Klima. Es besagte, dass man einander bei aller Gegensätzlichkeit im Normalfall recht gelassen machen lässt und sich sogar gegenseitig hilft. Wahrscheinlich nur deswegen fand die wohl chaotischste GUMV-Veranstaltung überhaupt ein gutes Ende.

Wenn sturzbetrunkene Schotten Sombreros von der Decke holen

Am 3. März 1995 trafen neun schottische Folkrocker der Formation „Wolfstone“ mit einem heillos überforderten Tourmanager beim Ziegelböck auf über 400 wartende Besucher:innen ihres Konzerts, das seit 20 Minuten hätte laufen sollen. Mit nichts als Eggenberger Hopfenkönig im Bauch – wann hätte man essen sollen? – riss Wolfstone in kürzester Zeit alle von den Sesseln. Die wurden in der Folge kurzerhand mit vereinten Kräften zwecks Tanzbarkeit aus dem Saal befördert wurden. Bis zu den vielfachen Zugaben trotzten die Musiker den Widrigkeiten der absolut provisorisch zusammengestöpselten mitgebrachten Tontechnik und segelten nach dem letzten Stück, beflügelt von der überbordenden Begeisterung, direkt hinüber in die „Siesta Bar“ seligen Angedenkens.

Die dort sich entwickelnden Ereignisse eine Party zu nennen, wäre grob verharmlosend. Der GUMV-Verantwortliche verließ das Lokal mit leichtem Schaudern um 2 Uhr nachts, als auf den Schultern ihrer Landsleute reitende Schotten begannen, Deko-Sombreros von der Decke zu pflücken. Seine bange Frage an den Wirt am nächsten Morgen, ob „eh alles gepasst hat“, wurde am Telefon gutgelaunt mit der Antwort beschieden, die jungen Leute hätten sich anscheinend bestens unterhalten und recht wohlgefühlt.

Kultur trifft Gewerbe

Exzentrische „Säle“ hat sich GUMV mitunter für meist ebenso exzentrische Veranstaltungen ausgesucht. Verbunden war das in der Regel mit einem Haufen Mehrarbeit; oft auch mit Stolz darauf, etwas Besonderes geschaffen zu haben; teilweise mit Frustration, dass nicht so viel Publikum den Weg zu diesem Besonderen fand; in jedem Fall aber mit der Befriedigung, kulturell so etwas wie eine Spur hinterlassen zu haben, und sei es nur in der Erinnerung der Beteiligten.

Einmal möglich, dann nie wieder (aber schön war’s): Konzert in der Werkstatt des Autohaus‘ Vorchdorf

Zwei Beispiele: Die damals noch im Ortszentrum tätige Werkstatt des Vorchdorfer Autohauses wurde im Herbst 1998 mit immensem Aufwand zur Bühne für zwei jugendliche Bands umgestaltet, die den musikalischen Teil eines Doppelpacks aus Rock-Konzert (GUMV) und geselliger Präsentation des VW Beetle (Autohaus) darstellten. Wie zu anderen Gelegenheiten auch, konnten beide Seiten nicht wirklich herausfinden, weswegen das wohldurchdachte Konzept nicht aufging. Vielleicht war das originell ausgedachte Wortspiel im Veranstaltungsnamen „Out o(f) House“ eine Spur zu geistreich, um sich wie ein Lauffeuer zu verbreiten. Aber als Raumexperiment war die Sache gelungen.

Und in wunderbar harmonischer Kooperation mit der gesamten Inhaberfamilie gab es im Oktober 2002 das „jazz : movie“ in der dafür einmal mehr sehr stimmigen Kunstschmiede Haan – leider auch nur für einen überschaubaren erlauchten Kreis.

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