Sommerspecial #7: Tatsächlich war das nämlich so mit der Kitzmantelfabrik

17. August 2025

Der Kulturverein Guten Morgen Vorchdorf (GUMV) ist Thema der INVO.report-Sommerserie zu Geschichte und Geschichten aus dem Ort. Folge 7 erklärt hier einmal endgültig, auf welchen verschlungenen Wegen, gebahnt auch (und anfangs vor allem) von GUMV, die Kitzmantelfabrik zu dem wurde, was sie heute ist.

In den späteren Jahren wurde auch das Design der Veranstaltungsmedien – Programmflyer, Plakate, Eintrittskarten – etwas aufgeputzt.

Die Kitzmantelfabrik als Veranstaltungszentrum ist ein Kind von Guten Morgen Vorchdorf. Selbstverständlich hat es, um im Bild zu bleiben, eine Reihe von Paten, Geburtshelfern, ja auch von weiteren Eltern gegeben. Und vor allem die Entwicklung zu der heute bestehenden Einrichtung ist Ergebnis eines Prozesses, bei dem GUMV nur mehr als eine Gruppe unter vielen mitgewirkt hat. Allerdings, ohne GUMV wäre das Ganze damals nicht – und vielleicht nie – ins Rollen gekommen. Auch hier kann unmöglich die ganze Geschichte erzählt werden; sie würde ein dickes Buch füllen. Es soll nur ein Schlaglicht auf die besondere Beziehung zwischen dem Verein und der Kitzmantelfabrik geworfen werden. Sie begann im Jahr 1999, als bereits klar war, dass die Ära Tanglberg für GUMV-Veranstaltungen zu Ende ging. Und das kam so:

Das in Österreich damals erst im dritten Jahr bestehende Programmkonzept „Die lange Nacht des Kabaretts“ – mehrere Kabarettist:innen spielen im Wechsel und solange es das Publikum wünscht – war für Vorchdorf neu, attraktiv und bereits im Ziegelböcksaal gebucht, als dort eine Hochzeitsfeier Vorfahrt erhielt. Zufall, Glück im Unglück, Fügung? Jedenfalls, der nach einer Besichtigung mit der Eigentümerfamilie Kitzmantel auserkorene Ersatz-Saal war die ehemalige Leder-Zurichterei im ersten Geschoss. Es sollte bis zum Umbau dieses Fabrikteils über neun Jahre lang die zweite Heimat von GUMV werden.

Paukenschlag zum Beginn

Zunächst aber galt es, die 500 Quadratmeter Leerstand überhaupt in einen bespielbaren Zustand zu versetzen – da war ja nichts außer Staub, der alten Fetttrommel, die zu einem schönen Blickfang neben der Bühne wurde, und der später überaus nützlichen Meisterkabine. Kurzum, es flossen hunderte Arbeitsstunden da hinein. Nur für das erste Mal, wohlgemerkt! 280 Gartensessel kamen von der damaligen Acamp. Hunderte Quadratmeter zu schallschluckenden Vorhängen selbst zugeschneiderte Stoffe von der Grünen Erde (alles gesponsert!) waren zu platzieren; eine notdürftige Gastronomie einzurichten; eine Bühne samt Vorhängen, eine Künstlergarderobe, Fackelbeleuchtung für den Innenhof, Toiletten…

Vielleicht ist es ja so: Wenn man derart viel Arbeit in einen Ort investiert, lässt man ihn so leicht nicht wieder los. Es kam hinzu, dass jene legendäre erste Veranstaltung ein gigantischer Erfolg war. Fast 300 Menschen, mehr als je dort hineingedurft hätten, erlebten die fulminante Premiere dieser Faszination, die die raue Industrieatmosphäre auf alle Anwesenden ausstrahlte und die sich bis zum Umbau nicht verbrauchen sollte, auch wenn die Neugier der Vorchdorfer auf diesen für die Gemeinde historisch bedeutsamen Ort an jenem 25. Juni 1999 so groß war wie später nicht mehr – dieses Mal sah man sogar viele Gemeinderäte im Publikum. Die Familie Kitzmantel hatte große Freude mit der Wiederbelebung ihres Areals. Man war sich auch sympathisch und man wurde schnell handelseinig, den Saal zu erträglichen Konditionen weiternutzen und dort sowie in angrenzenden Räumen das Nötigste an Ausstattung dauerhaft lagern zu können. Der Aufwand mit jeder neuen Veranstaltung blieb dennoch so groß, dass allein deswegen die Arbeitskapazität des Vereins nur noch für ein fast um die Hälfte reduziertes jährliches Programm reichte! Außertourliche Großeinsätze kamen hinzu: etwa jenes Hagelunwetter, das binnen Minuten einen Großteil der unzähligen Gläser in den alten Kippflügeleisenfenstern zerdrosch. Eine Versicherung dafür gab es nicht. Die Kosten brauchte GUMV zum Glück nicht zu tragen, zum beträchtlichen Leidwesen aber die meiste Arbeit.

Die Innenräume der Kitzmantelfabrik waren nach dem Umbau dramatisch funktionaler und leichter nutzbar – hatten aber zum Bedauern etlicher Besucher:innen und Nutzer:innen auch das Urige der Anfangszeit eingebüßt.

Verschlungene Pfade zur „neuen“ Kitzmantelfabrik

Als erkennbar wurde, dass der Gemeinde hier, gelinde gesagt, eine Attraktion zuwuchs, kamen Steine ins Rollen, die teils schon ein Jahrzehnt und mehr festgelegen hatten. Ein Kauf des Areals durch die Gemeinde hatte zwar schon zur Debatte gestanden, wurde aber lange nicht spruchreif, da Welten die verschiedenen Preisvorstellungen trennten. GUMV warf in dieser Situation nicht nur die Vision eines neuen Kristallisationspunktes für Vorchdorf in den Ring und spuckte am laufenden Band Konzepte und Memoranden in alle Richtungen aus; darüber hinaus gab es auch eine rege diplomatische Aktivität hinter den Kulissen. All das trug dazu bei, dass kaum mehr als ein Jahr nach der Langen Nacht des Kabaretts die Kitzmantelfabik von der Gemeinde gekauft wurde.

Ab diesem Moment begann ein hochgradig komplizierter Prozess, in dem GUMV zwar immer mit am Ball war, das Spielgeschehen aber nur noch punktuell entscheidend beeinflussen konnte. Es gab externe Beratungsfirmen, Lenkungs- und Arbeitsgruppen im Rahmen und außerhalb einer „Bürgerbeteiligung“, es gab Koordinatoren, einen Architektenwettbewerb, immer neue Ziel- und Handlungskonzepte, kurz: ein organisatorisches Mammutunternehmen mit dem vagen Ziel, dass die Kitzmantelfabrik irgendwann „fertig“ sein sollte. Und dann? – Dazu hatte nicht allein GUMV Vorstellungen, sondern etwas später auch der 2006 gegründete junge Kulturverein DEZIBEL: mit demselben Elan verlieh er sowohl praktisch dem Projekt Kitzmantelfabrik mit fulminanten Veranstaltungen Kontur, als auch mit Ideen dazu, welche Strukturen das Besondere dieses Ortes längerfristig sichern könnten. Das meiste davon verschwand in den Schubladen.

Das Baby wird erwachsen – und entwickelt Eigendynamik

Es ist lehrreich, dass die beeindruckenden Architektenpläne der Wettbewerbsgewinner Luger & Maul die weitere Entwicklung quasi im Handstreich vereinnahmten. Die Aufmerksamkeit der Gemeinde richtete sich nun fast ausschließlich auf die rasche Umsetzung des ersten Bauabschnitts. Schon 2005 wurden das Jugendzentrum und die neuen Probenräume der Marktmusik im Ostflügel der Fabrik eröffnet. Dann aber fehlte der Gemeinde das Geld für den „Rest“. Langsam aber sicher begann vor allem GUMV, sich Sorgen um die marode Bausubstanz zu machen, denn wegen der unverändert aufrechten Umbaupläne war die Gemeinde als Eigentümerin nur zu den notwendigsten Instandsetzungsarbeiten des Altbestands bereit.

Im Januar 2007 schließlich brachte eine Podiumsdiskussion des Vereins unter dem provokanten Titel „Investitionsruine oder Jahrhundertchance?“ die Gemeinde derart unter Zugzwang, dass sich doch wieder etwas bewegte. Die Pläne wurden etwas gestutzt, sodass eine Finanzierung in Reichweite kam. Und bereits unglaubliche 18 Monate später begann tatsächlich der Umbau des Veranstaltungstraktes. GUMV wirkte aktiv in dem 2009 gegründeten Trägerverein Kitzmantelfabrik mit, dem die Gemeinde die Leitung der Kitzmantelfabrik anvertraute. Das umfasste auch Auswahl und Anweisungsbefugnis gegenüber einer hauptamtlichen Geschäftsführung, die sich allerdings als personell und finanziell zu eng ausgestattet erwies und nicht einmal ein Jahr nach der prunkvollen Wiedereröfffnung der „neuen“ Kitzmantelfabrik die Segel streichen musste. Die Gemeinde entschied daraufhin auf eigene Faust, das „operative Geschäft“ mit einer eigenen Personalkraft weiterzuführen. Der Verein Kitzmantelfabrik organisierte noch einige Eigenveranstaltungen, löste sich aber am 2. April 2013 auf, da die Beteiligten ohne echte Kompetenzen und ohne eigene Arbeits- oder Geldmittel für die Kitzmantelfabrik keine sinnvolle Funktion mehr hatten.

Von der Liebes- zur Zweckbeziehung

In die Kitzmantelfabrik alter Prägung ist wahrlich Herzblut von GUMV geflossen. Genauso wie Schweiß, Tränen und Flüche. Aber immer wieder wurden die Veranstalter und ihre wahrhaft geschundenen Helfer:innen entschädigt durch die aufrichtige Anerkennung, ja Bewunderung von Publikum und Künstler:innen. Das änderte sich nach dem Umbau tendenziell. Zwar war jetzt alles gut ausgestattet und vieles war bequemer und unaufwändiger – auch wenn es der Saal mit der meisten Auf- und Abbauarbeit blieb! Aber nun war man nicht mehr Hausherr, sondern „Nutzer“, und besonders die erste Geschäftsführung, selbst unter Stress, erwies sich als sehr gestrenger Vermieter. Außerdem hatte der Raum trotz aller Appelle, doch das alte Flair um Himmels Willen zu erhalten, seinen ursprünglichen Charme spürbar eingebüßt. Hinzu kam, dass die bisherigen „Routiniers“ im Umgang mit der anspruchsvoll gewordenen Saaltechnik und Raumausstattung nicht mehr in dem Umfang wie früher veranstalten konnten bzw. wollten. So kam es, dass alles in allem (und trotz allem) aus dem einstigen Sehnsuchtsort allmählich ein Platz anstrengender Verpflichtungen wurde, auf die man zu achten hatte. Der Verein machte bis zum Schluss schöne Sachen in der Kitzmantelfabrik und freute sich darüber; man war gerngesehener Veranstalter; auch der Umgang mit dem Management war wieder erfreulich – aber GUMV hatte sich entliebt.

In der nächsten (und letzten) Folge dieser speziellen „Kulturgeschichte“ Vorchdorfs geht es darum, wie so etwas wie Guten Morgen Vorchdorf überhaupt entstehen, funktionieren, schließlich aber eben auch untergehen konnte – ein bisschen die Moral von der Geschicht‘ also.

Ein Gedanke zu „Sommerspecial #7: Tatsächlich war das nämlich so mit der Kitzmantelfabrik

  1. Albert Sprung

    Ein beeindruckendes Stück Vorchdorfer Kulturgeschichte – sachlich, fundiert und gleichzeitig mit spürbarer Leidenschaft erzählt. Der Beitrag macht deutlich: Ohne GUMV wäre die Kitzmantelfabrik wohl nie das geworden, was sie heute ist. Es ist eine ehrliche und verdiente Würdigung des Engagements, das über Jahre hinweg getragen – und irgendwann auch losgelassen – wurde. Dass dabei nicht alles ideal verlief, wird nicht verschwiegen. Umso glaubwürdiger erscheint der Blick auf diesen langen, oft mühsamen, aber auch fruchtbaren Weg.

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