21. August 2025
Der Kulturverein Guten Morgen Vorchdorf (GUMV) ist Thema der INVO.report-Sommerserie zu Geschichte und Geschichten aus dem Ort. Folge 8 macht den Sack zu – mit der Frage, warum diese Gruppe überhaupt funktionieren konnte, warum und wo und wann sie nicht (mehr) funktioniert hat. Ein tiefer Blick hinter die Kulissen, aber auch auf die örtlichen uns kulturpolitischen Begleitumstände. Bonustext am Schluss: Die Chronologie „Schlaglichter 1989–2014.

Das Café Novum und der neu gestaltete Innenhof der Kitzmantelfabrik waren beliebte Orte für Veranstaltungen in der Spätphase des Vereins.
Guten Morgen Vorchdorf war in Wirklichkeit ein „unmöglicher“ Verein. Von außen kaum wahrnehmbar, wirkte im Inneren dieser Initiative ein schwer bis gar nicht entwirrbares Spiel der Kräfte, dessen unberechenbare Dynamik die Kulturarbeit in ungeahnte Höhen katapultierte, aber wahrscheinlich genauso gut ein dutzendmal den ganzen Laden vor die Wand hätte fahren können, wenn nicht – ja, was eigentlich? Die Frage wäre groß genug für ein Forschungssemester in Organisationspsychologie. So bleiben nur einige halbwegs plausible Spekulationen.
Linke???
GUMV war, bevor Kulturveranstaltungen zur Hauptaktivität wurden, das Ergebnis einer SPÖ-Initiative. Auf Grundlage einer örtlichen Bürgerbefragung sollten nicht weniger als elf Arbeitsgruppen Themen von Umwelt über Sport bis zu Lernen und eben Kultur aufgreifen. Es hätte ein zweiter Gemeinderat werden können, und eine Zeitlang gab es auch – vor allem im Umweltbereich – Aktivitäten, die dem Anspruch gerecht wurden, ohne Ansehen politischer Parteizugehörigkeit vorzugehen.
Die ÖVP etwa begrüßte die ungewöhnliche Bürgerinitiative ausdrücklich. Dennoch wurden die Aktivisten den Verdacht nicht los, im Grunde eine rote Tarnorganisation zu sein. Immerhin: Wie soll eine Gruppe politische Unabhängigkeit glaubhaft machen, die mit 40.000 Schilling aus der Kasse der (sozialistischen) „Zukunftswerkstatt“ subventioniert wird? Und sich noch dazu in erheblichem Ausmaß aus SPÖ-Funktionären und der Partei Nahestehenden zusammensetzt?
184.000 Schilling vom Land
Die Vereinsgründung nach rund einem Jahr war das Vehikel, womit diese bedrohliche Klippe umschifft werden konnte. Sieben Aktive als Vorstand unter Vorsitz der Lehrerin Ingrid Haslhofer hoben ein – nunmehr kulturelles – Mammut-Jahresprogramm für 1991 mit 23 Veranstaltungen auf die Bühnen im Ort. Neben einem unglaublichen Anfangs-Engagement half die Gunst der Stunde der Hybris dieses Gewaltakts, mit einem solchen Arbeitballast nicht sogleich wieder zu kentern.

Weniger häufig, aber nicht minder vielfältig war das Programm der letzten Jahre von GUMV.
GUMV manövrierte nämlich im Windschatten der sechs Jahre zuvor gegründeten Kulturplattform Oberösterreich (KUPF), die tatkräftig an einem Wandel der Kulturpolitik des Landes mitwirkte. Einen wohlwollenden Blick auf den aufgehenden Stern am Kulturhimmel seines Heimatortes hatte sicher auch Martin Sturm geworfen, der im Ressort des damaligen Kultur-Landesrats Josef Pühringer die Agenden im Umgang mit der freien Initiativen-Szene zu schupfen hatte. Um nicht weniger als 184.000 Schilling an Jahressubvention wurde bei ihm immerhin angesucht. – Es ging sich aus. Das Folgejahr wurde mit 27 Veranstaltungen sogar das „programmreichste“ in der gesamten Vereinsgeschichte.
Der Glanz dieses Aktivitätenreigens spiegelte sich auch im Presseecho der Salzkammergut Zeitung wieder. Zwar stammte ein Gutteil der dortabgedruckten Kritiken von Obfrau Ingrid Haslhofer selbst, doch auch Kulturredakteur Josef Aigner spendete ausgiebiges und fundiertes Lob. Die Anerkennung, die der Arbeit allerseits gezollt wurde, auch die eigene Begeisterung und der immer wieder greifende Teamgeist milderten wohl Reibungen, Zusammenstöße und Turbulenzen, die dennoch intern einiges an Energie absorbierten. Nicht wenige der Themen, die schon in den Anfangsjahren Spuren hinterließen, kehrten so oder leicht mutiert, ganz wie die Grippe, immer wieder auf.
Die Mangelware „Gesamtverantwortung“
Machen – oder „nur“ mitmachen? Das war die wohl hartnäckigste Infektion des GUMV-Organismus’, und sie war es auch, die den Verein nach fast einem Vierteljahrhundert doch noch dahinraffte. Dass der Verein diesem Virus so lange getrotzt hatte, ist das eigentlich Erstaunliche. Es ging immer um die im Grunde schlichten Fragen: „Wer macht was? – Wer macht was?“
Schon am Ende des ersten Vereinsjahrs steht in einem Protokoll mahnend: „Arbeitsteilung“ und „Alle Mitglieder gleichmäßig arbeiten“. 22 Jahre später, kurz vor dem Aus, vermerkt die Schriftführerin: „Wir brauchen dringend Veranstalter.“ Woher kam aber dann das ganze Programm – im Durchschnitt über 21 Termine jährlich im ersten Jahrzehnt, in den restlichen Jahren gut 12, mal mehr, mal weniger?
Das Beharrungsvermögen des Veranstaltungsbetriebs beruhte die längste Zeit auf wenigen stabilen Säulen und zusätzlich auf einigen wechselnden und unterschiedlich stabilen „Streben“ im System. Zunächst war GUMV schon nach kürzester Zeit „too big to fail“, ähnlich wie die großen Banken in der Finanzkrise: Der Erwartungsdruck, in der einmal erzielten Größenordnung weiterzumachen, war enorm. Denn man galt plötzlich als Aushängeschild der Gemeinde, die den Verein ja mit Fixsubventionen und Sonderzuwendungen förderte. Bis zu 2500 adressierte Exemplare der Programmzeitung „Kultur und so“ erreichten zu Spitzenzeiten Menschen im ganzen Bundesland. Und in Künstlerkreisen war GUMV derart zu einem Begriff geworden, dass allein mit den ungefragt hereinströmenden Angeboten locker auch ein tägliches Programm bestreitbar gewesen wäre. Von daher hatte niemand die Stirn, diesem gewaltig erscheinenden Schwungrad in die Speichen zu greifen. Andersherum: Irgendwer fand sich am Ende immer, der eine Veranstaltung schulterte.

Der „Sunday Gig“ etablierte sich in der letzten neu eroberten „Bühne“ des Vereins schnell.
Ein fast mittelständischer Betrieb als Hobby

Angebote wie der „Kultur-Kilometer“ warben für häufigeren Veranstaltungsbesuch: ermäßigtee Eintritte gegen Vorauszahlung.
Und das wollten ja alle im Verein: dass es läuft. Es war auch kaum je das Thema, nicht genügend Leute zu finden, die mitmachten – rar waren bloß die Meldungen für den Posten der Gesamtorganisation einer Veranstaltung. Von „Platzhirschen“ und den „Übrigen“ im Vorstand war oft die Rede, nicht nur im Zusammenhang mit der Veranstaltungsorganisation. Das Bündel an Handlungssträngen war für einen eigentlich kleinen Verein beängstigend: Die Veranstaltungsorganisation und deren Finanzierung allein hätte durchaus eine Teilzeitkraft auslasten können. Es gab aber auch noch das kulturpolitische Engagement im Dachverband KUPF, es gab Einmischungen in die örtliche Kulturpolitik, Kontaktpflege zu ähnlichen Initiativen in der Region und zu örtlichen Vereinen, Kontaktpflege in einem verzweigten Netzwerk von Agenturen und Künstlern, den Umgang mit einem stetig wachsenden Arsenal an Büromaterial, Technik, Akten… und, unsichtbar, aber ebenso wirkmächtig, gab es ein wachsendes Arsenal an Arbeitskonzepten, Ideen, Ideologien, Ansprüchen, Positionen usw. Es waren vor allem die ersten zwei Vereinsvorsitzenden Ingrid Haslhofer und Michael Praschma, die mit ausgeprägten eigenen Vorstellungen bis ins Detail quasi Gralshüter dieses ganzen Instrumentariums waren – und das aber streckenweise mit einem Perfektionismus, der dem Verein zwar einen hochgradig professionellen Auftritt verschaffte, aber den Zugang zu Steuerungsfunktionen für andere Aktive sehr schwer machte.
Das war allen bewusst. Es gab immer wieder extern moderierte Auswertungstreffen, in denen nach allen Regeln der Kunst zur Sprache gebracht wurde, was hier geschah und warum. Die „Platzhirsche“ erfuhren ja nicht nur eine enorme Bestätigung durch die scheinbar unersetzbare Wichtigkeit ihres Aktivismus, sondern sie litten auch darunter: Es war oft einfach zuviel. Es belastete, je nach Charakter unterschiedlich, die Beziehungen im Verein, und es verhinderte lange Zeit, dass andere Vorstandsmitglieder Verantwortung dauerhaft und mehr als nur punktuell gemeinsam tragen. Gute Vorsätze, daran etwas zu ändern, wurden guten Willens gefasst, konnten aber kaum je verhindern, dass man wieder in die ausgetretenen Pfade rutschte. Workaholics sind so.
Bäumchen wechsel dich hinter den Kulissen
Nach den ersten definitiven Ermüdungserscheinungen im Vorsitz gab es eine Weile eine „Doppelspitze“ Haslhofer & Praschma, die aber wegen ähnlicher persönlicher Disposition von außen nur umso uneinnehmbarer wirkte. Es bedurfte einer halbjährigen Veranstaltungskarenz und Umorientierung, bis ein neues Organisationsmodell die herrschende Oligarchie nach dem Wechsel im Vorsitz durch „Ressortzuständige“ ersetzte.
Bemerkenswert war dabei: Weder diese Umstrukturierung noch die folgenden sind im „Angebot“ von GUMV für die Öffentlichkeit nennenswert sichtbar geworden. Bemerkenswert ist außerdem, dass sich auch an der durchgängigen wechselseitigen Wertschätzung der Aktiven nichts änderte: Es gab ja sogar aufwändige gemeinsame Aktivitäten wie die jährlichen und stets gern in Erinnerung gerufenen „Betriebsausflüge“ des Vereins – für die sich auch immer Organisatoren fanden! Doch die Verantwortung für den eigentlichen Veranstaltungsbetrieb war zunehmend ein heißer Brei, um den man herumschlich.
Ende Gelände
Die folgenden Vorsitzenden Wolfgang Marecek und Rosa Mair haben sich bewusst gar nicht erst in eine Position begeben, „alles zu machen“. Dass in den letzten zwei Jahren vor der Vereinsauflösung dann doch deutlich weniger Veranstaltungen organisiert wurden, hing jedoch nicht damit zusammen, sondern eben mit den verbliebenen wenigen „Veranstaltern“ im Verein, denen – teils nach langen Jahren – nach und nach die Puste ausging. Dafür ausreichend Nachfolger zu finden, gelang nicht. Es war so weit: Jeder war bereit mitzumachen; doch niemand mehr wollte „machen“.
Guten Morgen Vorchdorf war damit nicht allein. Nur wenige Monate früher hatte sich aus ähnlichen Gründen DEZIBEL aufgelöst. Dass beide Vereine keinen Nachwuchs mehr hatten, ebenso wie der Verein Kitzmantelfabik, hing vielleicht auch damit zusammen, dass die Einzigartigkeit ihres Angebots in den Augen vieler schon Geschichte geworden war. Denn nicht nur die regionale Konkurrenz hatte sich in den zwei vorangangenen Jahrzehnten vervielfacht, auch der kommerzielle Veranstaltungsmarkt saugte Publikumsinteresse ab, wenn auch mehr mit den sattsam bekannten „Rosinen aus dem Kuchen“. Prognosen darüber, wie sich dieser Sektor des örtlichen Kulturlebens weiter entwickeln würde, waren aus diesen und anderen Gründen völlig spekulativ – erst recht, wenn es um den wirklich weiten Kulturbegriff gehen sollte: eben jene „Art und Weise, wie wir miteinander umgehen“, die dem Verein schon 1990 als Leitbild für die Arbeit vorschwebte.
Die Grafiken in diesem Sommerspecial stammen von Karl Windischbauer.

Vielen Dank für dieses hervorragend geschriebene 8-teilige Sommerspecial über den Kulturverein GUMV.
Fünfundzwanzig Jahre kulturelle Zeitgeschichte wurden wieder hervorgeholt und in Gedanken nachfühlbar zum Leben erweckt. Ohne penibel geführte Chronik wäre diese Ära wahrscheinlich in der Versenkung verschwunden und in Vergessenheit geraten. Im Stimmungsbild von den Akteuren und Akteurinnen wird von empfundener Freude, großer Energie, Begeisterung, Erfolg und Höhenflugempfinden berichtet, aber genauso von Enttäuschungen, Wehmut. Spannungen, Müdigkeit und ausgelaugt sein. Diese Serie bringt beide Seiten ans Tageslicht und macht sie daher voll authentisch und menschlich.
Einen Kulturverein gründen und fünfundzwanzig Jahre verschiedenste „Bühnen“ mit ansprechendem Programm zu füllen, war keine Kleinigkeit sondern eine großartige Leistung. Hut ab! Daher gebührt allen damaligen Engagierten heute noch ein großes DANKE
Danke für den super Rückblick! Wir waren lange und gerne Teil des GUMV-Teams,
Anneliese und Karl