28. September 2025
Vorchdorf 2, heute Schlossplatz 5, der ehemalige „Kirchenwirt“, das war im Jahr 1941 die Meldeadresse von Peter Horwath, einem Rom aus dem ungarischen Rabafüzes, zur Zwangsarbeit beim Reichsautobahnbau an der Almbrücke hergebracht, im selben Jahr ins „Zigeunerlager“ im polnischen Lodz überstellt und dort ermordet. Der heute eingeweihte Stolperstein erinnert an ihn, stellvertretend für die immer noch kaum bekannte Leidensgeschichte der Roma und Sinti im Nationalsozialismus.

Nicole Sevik zu Geschichte und Situation der Sinti und Roma in Österreich bei der Informationsveranstaltung im Schloss Hochhaus
Nicole Sevik ist nicht selbst Zeitzeugin, aber ihre Großmutter Rosa Winter, Sinteza wie sie, überlebte als eine der wenigen mit knapper Not das Konzentrationslager Ravensbrück. Dorthin gebracht hatte sie keine geringere als die bekannte Filmemacherin Leni Riefenstahl. Für deren Film „Tiefland“ war sie als Statistin zu arbeiten gezwungen, floh, wurde gefasst und in die Festung Salzburg gebracht. Dort suchte Riefenstahl sie auf; sie sollte sich entschuldigen, dass sie geflohen war. Rosa Winter war sich keines Unrechts bewusst und weigerte sich. Darauf sagte Riefenstahl sinngemäß: „Dann ab mit ihr ins Lager!“ Nicole Sevik stockt und sagt, ihr werde heute noch eiskalt an dieser Stelle.
Diskriminiert bis weit in die 2. Republik
Nicole Seviks Großmutter war überglücklich, als sie nach der Befreiung wieder in ihre österreichische Heimat zurückkam – sie habe den Boden geküsst. Schwer zu fassen: Die ihr von den Nationalsozialisten aberkannte Staatsbürgerschaft erhielt sie erst 1991 zurück – und musste 10.000 Schilling dafür bezahlen.

Autor Ludwig Laher bei der Einführung vor dem ehemaligen Kirchenwirt
Dies und anderes aus der Geschichte erfuhren die rund 60 Besucher:innen der Veranstaltung nach der Einweihung des Stolpersteins zunächst im Gespräch zwischen Sevik und Autor Ludwig Laher im Schloss Hochhaus. – Etwa, dass Romakinder im Burgenland bis in die 90er Jahre automatisch in die Sonderschule geschickt wurden und dass in Oberösterreich, im früheren Gau Oberdonau, derselbe frühere NS-Beamte für die Restituierung von Besitztümern an Sinti zuständig war (und diese in allen Fällen ablehnte), der für die Deportation dieser Menschen verantwortlich gezeichnet hatte.
Den Zusammenhang zwischen Roma- und Sinti-Verfolgung und dem Autobahnbau auch in Vorchdorf beleuchtete dann Bruno Schernhammer, der bei seinen Recherchen zum Zwangsarbeitereinsatz durch einen Zufall auf die Beteiligung dieser Volksgruppe kam. Ein anderer Zufall: Nur rund 500 Meter von Schernhammers Mutterhaus in Vorchdorf kam Nicole Seviks Grtoßtante Katharina Lichtenberger im Jahr 1929 zur Welt. Ihre Hebamme war wiederum Schernhammers Großtante. (Zum Referat von Bruno Schernhammer)
„Natürlich hat es gute Seiten am Nationalsozialismus gegeben“

Erinnerung an Peter Horvath; Stolperstein aus Messing
Wie wenig aufgearbeitet der Nationalsozialismus immer noch ist, wurde in der Rückschau auf ein bemerkenswertes Zitat des Nationalratsabgeordneten Wolfgang Zanger zum Reichsautobahnbau deutlich. Zanger hatte im ORF gesagt: „Natürlich hat es gute Seiten am Nationalsozialismus gegeben, nur die hören wir heute alle nicht mehr. (…) Als dann der Führer gekommen ist, der dann angefangen hat mit verschiedenen Bauideen oder Straßenbau – die Autobahnen sind damals entstanden. Das hat den Leuten Hoffnung gegeben.“ Unerwähnt ließ Zanger, dass es eben auch vielen Leuten einen elenden Tod in der Zwangsarbeit oder die Ermordung in einem Lager brachte.

Einweihung des Stolpersteins (v. l. n. r.:) Bgm. Johann Mitterlehner, Bruno Schernhammer, P. Franz Ackerl OSB)
Auf die ungebrochene Aktualität der Erinnerung hieran gingen auch die kurzen Ansprachen vor der Stolpersteineinweihung am Schlossplatz ein. Was aus dieser Vergangenheit in Vergessenheit gerate, sei schlimm, so Bürgermeister Johann Mitterlehner. Ein Mahnmal wie dieses habe in Vorchdorf bisher gefehlt, meinte Kulturausschuss-Vorsitzende Bettina Hutterer. Und auf die Verkehrtheit aller Diskriminierung wies P. Franz Ackerl OSB mit dem alttestamentarischen Bibelzitat „Haben wir nicht alle denselben Vater?“ hin und spielte dabei kritisch auf den „Ministerpräsidenten eines Nachbarlandes“ an. Der Segensspruch galt denn auch „allen Menschen, die sich für Versöhnung einsetzen“.
Redaktioneller Hinweis: In der Einleitung des Artikels wurde Peter Horvath zunächst irrtümlich als Sinto bezeichnet. Er gehörte aber den Burgenland-Roma an. Auf den Fehler hat uns Bettina Hutterer hingewiesen – danke!
Berichtet hat bereits der ORF Oberösterreich über die Einweihung.

Die Entscheidung ging nicht durch den Gemeinderat, aber im Bildungs- und Kulturausschuss wurde sie mehrheitlich befürwortet. Das ist erfreulich, denn es gelingt nicht in allen Gemeinden, wie eine Wortmeldung vom Mauthausen-Komitee Vöcklabruck bestätigte.
Von großem Interesse wäre, wer im Gemeinderat sich wie zu diesem Thema geäußert hat.
Drei Fraktionen waren im Ausschuss dafür und eine dagegen. Die restlichen beiden Fraktionen waren nicht anwesend bzw. eine davon auch nicht stimmberechtigt.