30. Dezember 2025
Der Jahresrückblick #4 von Michael Praschma
Was unsere Themen in diesem Jahr waren, darüber hat unter anderem Kollege Neumann in seinem Rückblick am 26. Dezember bereits ausführlich reflektiert. Er ist einer, der sehr viel Zeit und Energie in seine Beiträge zum INVO.report und die zahllosen Gespräche, die damit zusammenhängen, steckt. Und sich daher öfters fragt: Was bringt das? Das bewegt mich genauso, deshalb geht es hier genau darum.
Ich hatte in diesem Jahr mehr zu kämpfen als je zuvor – und zwar mit der Versuchung, in Fatalismus zu verfallen. Denn scheinbar nutzt es ja alles nichts. Die Trump-Regierung reißt Demokratie und Menschenrechte nieder, die Ukraine kämpft mit dem Mut der Verzweiflung, die Klimakonferenz in Belém hat so gut wie nichts zu unserer Rettung beigetragen. Nur drei Beispiele, wo ich praktisch null Auswirkungen erlebe von dem, was ich und andere tun. Und dann engagiere ich mich für ein kleines örtliches Online-Medium? Wozu?
Wo kämen wir denn hin, wenn das alle machen?
Der Spruch „Wo kämen wir denn da hin …“ ist ursprünglich auf die gemünzt, die aus der Reihe tanzen; sie sollen sich einfügen und still sein. Um nun aber mich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf der drohenden Verzweiflung zu ziehen, drehe ich die im Grunde sehr gute Frage um: Wo kämen wir denn hin, wenn alle täten, was notwendig ist? Wenn zum Beispiel alle, die einen Funken Anstand im Leib haben, jenen Politikern die Hölle heiß machten, die auch in diesem Land eine Nähe zu Trump und Putin gesellschaftsfähig machen wollen?
Und jawohl, das hat etwas mit Vorchdorf und dem INVO.report zu tun. Großer Sprung, grob vereinfacht: Was wir in Vorchdorf machen, wäre in den USA heute schnell persönlich und beruflich ruinös, in Russland lebensgefährlich. Konstruktiv-kritischer Journalismus ist in beiden Ländern entweder ausgerottet oder massiv attackiert. Das ist hier anders. Aber immerhin: Als vor bald fünf Jahren der INVO.report herauskam, da gab es seit über zwei Jahrzehnten, seit dem Ende der Salzkammergut Zeitung, kein örtliches Medium mehr, das sich eingemischt hat.
Spürbar war das daran, dass Teile der Politik diese eigentlich für ein demokratisches Gemeinwesen stinknormale Einmischung großteils als Fremdkörper empfanden. Die Muskeln waren erschlafft, die für den politisch absolut notwendigen öffentlichen Streit in der Sache notwendig sind. Als sie jetzt auf einmal gebraucht wurden, reagierten diese „Muskeln“ quasi mit einer schmerzhaften Verkrampfung: Blockade und Widerstand.
Die „Presse“: Segen und Fluch der vierten Macht, auch im Ort
Früher diskutierten im Wirtshaus Menschen über die Nachrichten, die sie fast alle aus der gleichen Zeitung hatten; so kamen durchs Reden die Leute zusammen, auch bei Meinungsverschiedenheiten; heute hasst man spätabends den mit der anderen Meinung auf Facebook – zugespitzt dargestellt. Die Folgen für das Miteinander sind katastrophal.
Ich habe noch erlebt, dass kontroverse Kommentare von mir in der Salzkammergut Zeitung Gesprächsthema im Ort waren, und zwar auch mit mir und auch mit Ergebnissen. Dieser „Brauch“ kam später weitestgehend ab. Unter anderem, weil überhaupt ein Medium fehlte, das ja stets auch Puffer zwischen Kontrahenten ist, nicht nur Nachrichten- und Meinungsplattform. Jetzt, ganz langsam, erleben wir, dass der INVO.report beginnt, diese Funktion wieder auszufüllen. Wir sind ja nicht selbst Partei. Ich bin nicht größenwahnsinnig genug, mir einzubilden, dass wir das früher fast sprichwörtliche Vorchdorfer Klima wiederbeleben würden. Aber wir leisten in manchmal mühseliger Kleinarbeit einen Beitrag dazu. Und dafür lohnt es sich.
Global denken, lokal schreiben?
Am Ende dieses weltweit vielfach so entsetzlichen Jahres sage ich mir: Das Wenige, was du nur auf Verdacht hin als Einzelner für die großen globalen Herausforderungen gemacht hast – ein paar Spenden, Petitionen unterstützt, demonstriert … ein Tropfen im Ozean, ja. Was hätte ich sonst tun können? Aber ganz praktisch habe ich in kleinem Maßstab mit dem INVO.report etwas gemacht, was, „wenn das alle täten“, und zwar überall, wirklich einen massiven Unterschied ausmachen würde. Und das ist ein Grund, weswegen ich nicht mit Fatalismus auf 2025 zurückblicke.

Balsam für die Seele, diese Worte zum Jahresausklang! Ich denke, diese Gedanken hatten heuer viele, ich selber leider auch ganz stark.
Umso wichtiger ist es, uns daran zu erinnern, den Mut und die Hoffnung nie zu verlieren. Danke!