24. September 2026
Nach dem ausländerfeindlichen Instagram-Posting eines Innsbrucker FPÖ-Gemeinderats distanziert sich die Vorchdorfer Ortspartei: Aktionen wie diese entsprächen nicht ihrem Verständnis von verantwortungsvoller Kommunalpolitik.– Bericht und skeptischer Kommentar.

Ausschnitt aus dem Instagram-Posting des Innsbrucker FPÖ-Mandatars Walch
Der Skandal machte am vergangenen Freitag umgehend Schlagzeilen: Der Innsbrucker FPÖ-Gemeinderat Fabian Walch hatte auf Instagram das Foto einer Schülerliste mit den Vornamen aller 25 Erstklässler einer einer Pflichtschule gepostet, die meisten davon ausländisch klingend. Das sei die zukünftige „Realität, wenn wir nicht endlich mit der Remigration beginnen“, schrieb Walch dazu.
Aus der übrigen Tiroler Politik folgten empörte Reaktionen. Mehrfach wurde darauf verwiesen, dass dies für die genannten Kinder als Drohung verstanden werden würde, abgeschoben zu werden. Die Assoziation ergibt sich aus der vor allem von den rechtsextremen Identitären verwendeten Begriff „Remigration“, von der auch Österreicher mit Migrationshintergrund betroffen sein sollen. Walch fiel bereits in der Vergangenheit durch Kontakte zur rechtsextremen Szene auf.
Schuster schließt derartige oder ähnliche Aktionen aus
In einer vom INVO.report erbetenen Stellungnahme distanzierte sich FPÖ-Ortsobmann und Vizebürgermeister Alexander Schuster von seinem Tiroler Parteikollegen. Es gebe „mit den Vorgängen und Aktionen der Fraktion in Innsbruck keinerlei Berührungspunkte“. Kernsatz des Schreibens von Schuster: „Aktionen, bei denen Kinder – insbesondere Schulanfänger – namentlich genannt oder für politische Zwecke instrumentalisiert werden, entsprechen weder unserem Verständnis von verantwortungsvoller Kommunalpolitik noch unserer Arbeitsweise. Ich kann daher ausdrücklich ausschließen, dass es von der FPÖ Vorchdorf derartige oder vergleichbare Initiativen geben wird.“
Schuster betonte außerdem, die örtliche FPÖ stelle ausschließlich Kommunalpolitik in den Mittelpunkt – außerdem, „alle Vorchdorferinnen und Vorchdorfer mit Respekt und gleich zu behandeln“.
Kommentar
Die Stellungnahme von Alex Schuster überrascht nicht. Der aktuelle Obmann der Ortspartei reiht sich damit in die Linie seiner Vorgänger:innen bis zurück zu Adolf Kammerleithner ein, die persönlich nicht als Scharfmacher aufgefallen sind. Nur selten sind in Vorchdorf polarisierende Positionen der Bundespartei bis hinunter auf die örtliche Ebene durchgeschlagen. So weit, so gut.
Es bleibt die Frage, ob Schuster längerfristig seine gemäßigte Position wird halten können, wenn die offizielle, wesentlich schärfere Parteilinie der Kickl-FPÖ bei vielen gesellschaftlichen Themen so bleibt. Könnte es sein, dass dann eines Tages – ohne ihn – andere Saiten aufgezogen werden, auch hier? Ist jemand wie Alex Schuster, von Wien aus betrachtet, vielleicht einfach das freundliche Gesicht der FPÖ vor Ort, die man ja wählen kann, weil sie sich nicht wie Kickl als Fan von dem präsentiert, wofür Trump, Orbán, Sellner oder die in Teilen gesichert verfassungsfeindliche AfD in Deutschland stehen?
Also: Die Stellungnahme zu dem Vorfall in Innsbruck ist richtig und erst einmal glaubhaft. Die Augen gegenüber der eigentlichen politischen Richtung der FPÖ und ihrer Entwicklung sollte man deswegen aber nicht verschließen. Es wäre naiv, einfach bloß darauf zu setzen, dass in Vorchdorf alles schon nicht so schlimm werden würde.
(Michael Praschma)

Dass ein Innsbrucker FPÖ-Gemeinderat eine Liste mit Vornamen von Schulanfängern veröffentlicht und diese mit dem Begriff „Remigration“ verknüpft, ist kein mutiger Tabubruch. Es ist auch keine nüchterne Problembeschreibung. Es ist die politische Instrumentalisierung von Kindern, die sich nicht wehren können. Und gerade weil Kinder sich nicht wehren können, braucht es Erwachsene, die an dieser Stelle nicht taktieren, nicht relativieren und nicht mit einem „Man wird doch noch sagen dürfen“ ausweichen, sondern sich schützend vor die Kinder stellen, bevor aus politischen Parolen persönliche Ausgrenzung wird.
Ja, man darf über Schwierigkeiten an Schulen reden. Man muss sogar darüber reden. Wer mit Lehrerinnen und Lehrern spricht, wer Eltern zuhört, wer Schulalltag nicht nur aus Sonntagsreden kennt, der weiß: Sprachförderung, Integration, Personalmangel, unterschiedliche Startbedingungen und wachsende soziale Spannungen sind reale Themen. Sie verschwinden nicht, nur weil man sie moralisch unangenehm findet. Aber sie werden auch nicht gelöst, indem man aus den Vornamen von Sechsjährigen ein politisches Warnschild bastelt.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen Problembewusstsein und Hetze.
Problembewusstsein fragt: Welche Kinder brauchen welche Unterstützung? Welche Ressourcen fehlen? Wie helfen wir Lehrkräften? Wie sichern wir Unterrichtsqualität? Wie gelingt ein gemeinsamer Schulstart?
Hetze fragt: Welche Namen klingen fremd genug, damit man sie politisch verwenden kann?
Das ist die eigentliche Grenzüberschreitung. Nicht erst der Nachname macht ein Kind schutzwürdig. Nicht erst die vollständige Adresse macht eine Veröffentlichung problematisch. Wenn eine konkrete Klasse, in einem konkreten politischen Zusammenhang, mit einem Kampfbegriff wie „Remigration“ verbunden wird, dann ist die Botschaft klar genug: Diese Kinder werden nicht als Kinder gesehen. Sie werden zu Symbolen gemacht. Zu Belegen. Zu Warnhinweisen. Zu kleinen Figuren in einem großen ideologischen Schachspiel.
Ausgerechnet Kinder am Schulanfang für eine politische Botschaft zu verwenden, verrät zudem ein erschreckendes Menschenbild. Der erste Schultag sollte ein Versprechen sein: Du bist willkommen, du darfst lernen, du bekommst eine Chance. Wer daraus eine Debatte über Zugehörigkeit macht, vergiftet diesen Anfang. Und wer dann noch so tut, als sei das bloß eine nüchterne Beschreibung gesellschaftlicher Entwicklungen, macht es sich eindeutig zu einfach.
Ich finde es gut, dass Michael Praschma diese Frage gestellt hat. Und ich begrüße ausdrücklich, dass Alex Schuster sich von solchen Aktionen distanziert. Das verdient Anerkennung, auch wenn wir politisch unterschiedlichen Parteien angehören.
Michael Praschma bewertet in seinem Beitrag, Thomas Edtmeier in seinem Kommentar ebenso. Beides ist legitim. Entscheidend ist für mich, womit wir unsere Einschätzung begründen. Eine kritische Frage wird jedenfalls nicht dadurch unberechtigt, dass einem die Haltung des Fragenden nicht gefällt. Meiner Meinung nach wird sie unberechtigt, wenn sie Menschenrechte in Frage stellt.
Über Schwierigkeiten an unseren Schulen müssen wir offen reden. Wir müssen Lehrkräften zuhören, die Sorgen von Eltern ernst nehmen und dort Unterstützung schaffen, wo sie fehlt. Da darf niemand das Gefühl haben, mit seinen Erfahrungen nicht gehört zu werden.
Aber aus dem Vornamen eines Kindes lässt sich weder ablesen, wie gut es Deutsch spricht, noch welche Unterstützung es braucht. Wenn eine solche Namensliste mit der Forderung nach „Remigration“ verbunden wird, ist für mich eine Grenze überschritten. Daran ändern geschwärzte Nachnamen nichts. Ich möchte nicht, dass Kinder schon zum Schulbeginn vermittelt bekommen, sie seien wegen ihres Namens hier weniger willkommen.
Und mit einem Augenzwinkern, lieber Tom: Hoffentlich stand auf deiner damaligen Klassenliste noch „Thomas“. Bei „Tom“ hätte dich diese Namenslogik womöglich schon in Richtung Amerika einsortiert. Ein Vorname sagt eben herzlich wenig darüber aus, wo jemand zu Hause ist.
Sorgen ernst zu nehmen verpflichtet uns, nach Lösungen zu suchen. Es rechtfertigt nicht, zusätzliche Angst vor anderen Menschen zu schüren.
Hape Kerkeling hat am 30. September im Thüringer Landtag einen Satz gesagt, der mich beschäftigt: „Wer schweigt, wenn die Demokratie angegriffen wird, hat sich schon für eine Seite entschieden …“
Für mich gehört zum Lernen aus unserer Geschichte, Ausgrenzung früh zu erkennen und ihr zu widersprechen. Deshalb halte ich auch die Frage für berechtigt, wie eine gemäßigte Haltung vor Ort zur schärferen Linie der eigenen Partei steht. Darüber muss man sprechen können.
Ich wünsche mir für Vorchdorf, dass wir Probleme offen ansprechen und respektvoll miteinander streiten. Und dass jedes Kind in unseren Schulen spürt: Du gehörst dazu.
Erfreulicherweise beehrt uns Vorchdorfs moralische Höchstinstanz, Michael Praschma, wieder mit seinen anzulegenden Maßstäben, wenn es darum geht, was (Kommunal-)Politik dürfe bzw. was falsch oder „richtig und erst einmal glaubhaft“ wäre.
Mit analytischem Wohlwollen attestiert Praschma dem Vorchdorfer Vizebürgermeister Alex Schuster eine „gemäßigte Position“, nicht ohne darauf mahnend hinzuweisen, dass ohne selbigen auch in Vorchdorf „andere Saiten aufgezogen“ werden könnten. Nun ja, so manche „andere Saite“ würde nicht schaden. Schusters Stellungnahme hingegen bewegt sich irgendwo zwischen visionsloser Angepasstheit und politisch wertlosen Worthülsen.
Hier gilt einmal mehr: Gut gemeint, ist oft das Gegenteil von gut gemacht.
Beide – Schuster mit seiner Stellungnahme und Praschma mit seinem Oberlehrerkommentar – eint jedoch ein ganz wichtiger Punkt: Sie haben den Gesamtzusammenhang nicht im Ansatz verstanden. Weder handelt es sich hier um klassische Kommunalpolitik (im Gegensatz zur begrüßenswerten Schultaschenaktion der FPÖ Vorchdorf), noch kann man – nicht zuletzt auf Grund der durchgängigen Namensschwärzung – von einer Instrumentalisierung der Kinder für politische Zwecke bzw. von einem (hochstilisierten) Skandal sprechen. Das ist schlichtweg unredlich. Vielmehr handelt es sich bei der Veröffentlichung dieser Vornamen(!) lediglich um ein lokales Beispiel für ein bundesweites Faktum, das nicht von der Hand zu weisen und für viele Eltern sowie deren Kinder in diesem Ausmaß nicht begrüßenswert ist.
Dass keiner der beiden genannten Schlaumeier – einer aus politisch-ahnungsloser Angepasstheit, einer einfach aus seiner links-linken Ideologie heraus – sich mit der Realität beschäftigt, ist ein anderes Thema. Daher mein Rat: Redet einfach mit Lehrern aus der Region. Vielleicht sagen sie auch Euch, was sie mir hinter vorgehaltener Hand sagen: „Die Situation ist bereits jetzt eine Katastrophe!“
Edtmeier Ende!