28.September 2026
Den Radanteil an Alltagswegen von 22 auf 34 Prozent hochgeschraubt hat seit 2019 Lustenau, die größte Marktgemeinde des Landes. Ein Grund, sich die Situation in Vorchdorf einmal genauer anzuschauen.
Radfahren ist aus verkehrspolitischer, Gesundheits- und Klima-Sicht ein unverzichtbarer Baustein zum Erreichen gewünschter Ziele. Viele Kinder nutzen nach der Radfahrprüfung das Fahrrad für den Schulweg, der Umwelt-, Energie- und Klimaausschuss motiviert zum Radfahren, und viele Vorchdorfer:innen nutzen das Rad sportlich oder im Alltag. Gleichzeitig gibt es Kritik an Infrastruktur, Sicherheit und Prioritätensetzung.
Radfahren in Vorchdorf zwischen Anspruch und Realität
Was wurde für den Radverkehr bereits erreicht? Der sogenannte „Radstern“ ist ein regionales Radverkehrsprojekt der Stadtregion Gmunden mit dem Ziel, sichere Radverbindungen zwischen Gmunden und den Umlandgemeinden zu schaffen. Für Vorchdorf wurde die Maßnahme „N19: Lückenschluss Falkenohren“ an der Achse Gmunden – Vorchdorf als 6 Meter (!) breite Straße umgesetzt – INVO.report berichtete. Hier sind Autos erlaubt, wie es auch für den Ausbau des bisherigen Radwegs Richtung Vorchdorf vorgesehen ist. Dabei gilt als erwiesen, dass baulich getrennte Radwege die Anzahl der Radfahrenden und das subjektive Sicherheitsgefühl erhöhen. Besonders Kinder und ältere Personen nutzen getrennte Anlagen deutlich häufiger.
Ein Kritikpunkt ist auch, dass dieser Abschnitt nun nicht Teil der bereits ausgeschilderten Radroute (kein Radweg) nach Gmunden ist. Man könnte den Eindruck gewionnen, dass das Vorchdorfer Projekt eher der Stilllegung von Bahnübergängen dient. Der Vorchdorfer Bürgermeister ist im Aufsichtsrat der Lokalbahn Gmunden-Vorchdorf AG vertreten.
Es gibt aber zahlreiche Radrouten in und rund um Vorchdorf. Diese findet man auf der Freizeitkarte aus 2022 (als Broschüre am Gemeindeamt oder hier). Neuer ist die Vordorf Übersicht Radfahren). Unter dem darauf angebrachten Link findet man 12 Radtouren mit Vorchdorf-Bezug. Darunter auch die „Entdeckertour Nord“, die aus Sicht von Vorchdorf über zwei Wege nach Gmunden führt.
Außerdem hat sich der Bau- und Straßenausschuss intensiv mit Möglichkeiten für sicheren Fahrradverkehr in Vorchdorf auseinandergesetzt. Für die sicherste Variante, den baulich getrennten Radweg, der nicht zur Fahrbahn zählt, fehlen meist die räumlichen Voraussetzungen. Es gibt in Vorchdorf nur einzelne Abschnitte, wo es das gibt.
Eine durchgezogene Markierung mit Fahrradsymbol auf der Fahrbahn kennzeichnet einen Radfahrstreifen, der grundsätzlich nicht von Kraftfahrzeugen genutzt werden darf. Ein Mehrzweckstreifen (unterbrochene Linie am Fahrbahnrand mit Fahrradsymbolen) darf auch von Kraftfahrzeugen genutzt werden, während Radfahrer vorhandene Radfahranlagen grundsätzlich benützen müssen. Das kann für Radfahrer:innen nachteilig sein, wenn Bodenunebenheiten im Bereich des Mehrzweckstreifens (z. B. sehr tief liegende Kanaldeckel) das Fahren erschweren. Die Polizei Vorchdorf merkt außerdem an, dass Radfahr- und Mehrzweckstreifen die Mindestabstände beim Überholen (innerorts: mindestens 1,5 Meter, außerorts: mindestens 2 Meter) bzw. Vorbeifahren von Kraftfahrzeugen an Radfahrern außer Kraft setzen können. Ein ausreichender Sicherheitsabstand ist zwar weiterhin erforderlich, bei Kraftfahrer:innen eventuell aber nicht so im Bewusstsein. Laut einem Interviewpartner ist man gut beraten, wenn der Abstand zwischen Rad und rechtem Fahrbahnrand etwa ein Meter beträgt. Die Unfallgefahr durch Fahrunregelmäßigkeiten wird dadurch geringer und Autofahrer werden davon abgehalten, riskant zu überholen.
Eine weitere Möglichkeit, Radfahrer:innen für andere Verkehrsteilnehmer sichtbar zu machen sind Sharrows (aus share + arrow). Das sind Fahrrad-Piktogramme mit Richtungspfeilen auf der Fahrbahn. Sie weisen darauf hin, dass sich Radverkehr und Kfz-Verkehr die Fahrbahn teilen. Sie sind keine eigene Verkehrsregelung und begründen keine Vorrangrechte.
Die Diskussion zeigt, dass keine dieser Maßnahmen perfekt ist. Radfahrstreifen, Mehrzweckstreifen und Sharrows bieten Vorteile, bringen aber auch Nachteile mit sich. Am meisten gewonnen wäre, wenn sich alle Verkehrsteilnehmer mit mehr Verständnis und Rücksicht begegnen würden.
Wo Radfahren in Vorchdorf schwierig wird
Nicht nur die VCÖ-Radfahrumfragen 2025/2026 und unsere Berichte dazu zeigen, dass Vorchdorf beim Radverkehr noch einige Hausaufgaben zu erledigen hat. Unsichere (Schul-)Wege, etwa entlang der Neuen Landstraße, durch die Fischböckau, an der Lindacher Straße, im Bereich Bachinger, bei Lambacher Straße/Schulstraße, dem Friedhofskreisverkehr, der Feldhamer Straße oder der Streiningerstraße, werden als Problem wahrgenommen. Auch die Umleitungsplanung in Feldham hat gezeigt, dass die Bedürfnisse des Rad- und Fußverkehrs nicht ausreichend mitgedacht werden.
Ähnliches lässt sich beim ehemaligen Feuerwehr-Zeughaus beobachten. Gerade bei einem derart zentral gelegenen Projekt wäre eine konsequente Berücksichtigung des nichtmotorisierten Verkehrs naheliegend gewesen. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass die Interessen von Fußgänger:innen und Radfahrenden in Planungs- und Entscheidungsprozessen noch nicht durchgängig mit derselben Selbstverständlichkeit berücksichtigt werden wie jene des motorisierten Verkehrs.
Zur Bahnhofstraße, dem Verkehrsprojekt mit vielen offenen Fragen wird es in Kürze einen eigenen Beitrag geben.
Was sagen die Menschen in Vorchdorf?
Etwas weiter zurück liegt die INVO-Umfrage aus dem Jahr 2021. Viele der damals erhobenen Ergebnisse sind jedoch leider noch immer aktuell, weil die angesprochenen Maßnahmen bislang nicht umgesetzt wurden, obwohl Bürgermeister Mitterlehner bei der persönlichen Übergabe der Umfrageergebnisse zugesagt hatte, sich um die Anliegen zu kümmern.
So wünschte die Bevölkerung z. B. einen verkehrsberuhigten Marktplatz mit mehr Aufenthaltsqualität, bessere Fuß- und Radwege, eine Verbindung Fischböckau-Ort für Fußgänger:innen und Radfahrende, Verkehrsberuhigung im Zentrum sowie mehr Begrünung. Während Letztere zumindest teilweise umgesetzt wurde, stehen viele der übrigen Anliegen nach wie vor aus. Besonders verwunderlich ist, dass die Verkehrsberuhigung des Bereiches zwischen Denk-Kreisverkehr und Ziegelböck immer noch als Tabu angesehen wird, obwohl sie auch von den maßgeblichen Interviewpartner:innen als dringend angeraten und wünschenswert bezeichnet wird. Zumindest ein Anliegen soll bald erfüllt sein. Im Dezember 2026, spätestens Frühjahr 2027, soll der erste moderne Triebwagen für die Lokalbahn Vorchdorf – Lambach eintreffen. Dann ist der Fahrradtransport problemlos möglich. Ein/e Interviewpartner:in hatte einen weiteren Denkanstoß für die Gemeindepolitik: Das Fahrradservice bei örtlichen Anbieter:innen sollte von der Gemeinde bezahlt werden.
Stimmen aus der Schule
In der Volksschule Vorchdorf wird in allen Schulstufen jede Möglichkeit zum Radfahrtraining genutzt, und es kann beobachtet werden, dass Fahrradfahren auch Gemeinschaft und Integration fördert. Im Frühjahr der 4. Klasse Volksschule legen alle Schüler:innen, die bereits 10 Jahre alt sind, die Radfahrprüfung ab. Danach wird das Rad eifrig für den Schulweg genutzt – ein Grund mehr, auf oben genannten Wegen für mehr Sicherheit zu sorgen.
Hat Radfahren in Vorchdorf genügend Priorität?
Traditionell geprägte Entscheidungsträger in Vorchdorf setzen die Prioritäten bei Projekten anscheinend noch immer beim Kraftfahrzeug, bewusst oder unbewusst. Welchen Stellenwert haben Radfahrer und Fußgänger in der Vorchdorfer Verkehrspolitik? – Eine interessante Frage hinsichtlich des 2021 im Gemeinderat einstimmig gefällten Grundsatzbeschlusses zur Förderung von Fahrrad- und Fußgängermobilität im Praxistest:
Fahrradabstellplätze vor dem Gemeindeamt werden vermisst, die neue RadlRast gegenüber freudig begrüßt. Überdachte und zeitgemäße Fahrradabstellmöglichkeiten sind noch Mangelware, ein Radabstellplatz beim Car-Sharing-Parkplatz ist aus unerfindlichen Gründen nicht mitgeplant. Dabei können gute Abstellanlagen nicht nur den Radverkehr stärken, sondern auch den Einzelhandel und die lokale Wirtschaft. Ein Tipp dazu: Am 26.11.2026 findet 15 -16.30 Uhr der Onlinevortrag „Der unterschätzte Standortfaktor Fahrradparken“ statt.
Braucht Vorchdorf eine/n Fahrradbeauftragte/n?
Ein/e Radbeauftragte/r könnte alle Belange rund um Radverkehr wesentlich vorantreiben. Laut der FahrRad-Beratung OÖ gibt es in über 100 oberösterreichischen Gemeinden Radbeauftragte. Sie fungieren als Ansprechpersonen für Bevölkerung, Politik und Verwaltung, koordinieren Radprojekte und bringen Radverkehrsanliegen in Planungs- und Verkehrsprozesse ein. Das bringt mehr Lebensqualität für die Bevölkerung und weniger Abgase und Lärm, mehr Verkehrssicherheit, eine Stärkung der örtlichen Nahversorgung, eine effektive Förderung des Radverkehrs durch die Koordinierungs- und Bündelungsfunktion des/der Radbeauftragten, einen Beitrag zur Mobilitätswende. Es ist nicht bekannt, warum es diese Funktion in Vorchdorf bisher nicht gibt.
Fazit
Vorchdorf hat in den vergangenen Jahren einzelne Maßnahmen gesetzt. Die zentrale Frage bleibt jedoch, ob daraus ein zusammenhängendes, sicheres und alltagstaugliches Radverkehrskonzept entsteht, das bei jeder baulichen Veränderung mitbedacht wird, oder ob großteils das Auto weiterhin „das Maß aller Dinge“ bleibt.

Interessant ist vor allem, dass wir diese Diskussion eigentlich schon vor fünf Jahren geführt haben. Am 29. Juli 2021 hat der Gemeinderat den Antrag der GRÜNEN zum „Konzept Alltagsradverkehr“ einstimmig beschlossen. Gefordert wurden damals ausdrücklich eine systematische Erfassung der Problemstellen, klare Prioritäten, Lösungsvorschläge, Kostenschätzungen und ein grober Zeitplan – unter besonderer Berücksichtigung des Alltagsradverkehrs.
Auch das Ortszentrum, die Neue Landstraße und sogar das damals entstehende INKOBA-Gebiet wurden konkret genannt.
Fünf Jahre später diskutieren wir über viele derselben Problemstellen noch immer. Das ist leider kein Einzelfall. Wie bei so vielen Gemeinderatsbeschlüssen in Vorchdorf liegt das Problem weniger beim Beschließen als bei der anschließenden Umsetzung, die nie folgt.
Ein einstimmiger Beschluss darf nicht jahrelang in einer Schublade verschwinden. Beschlüsse sind zum Umsetzen da – nicht zum Abheften.