Klimazukunft Vorchdorf: „Die Hitzetage werden sich verdreifachen“

18. November 2021

Als Vereinsobmann der Marktmusik ist Stefan Hörtenhuber den Meisten ein Begriff. Nicht ganz so viele wissen, dass der hochmusikalische Mitgründer der Speis Vorchdorf mit Doktor- und Diplomingenieurstitel ein angesehener Spezialist für Nutztierhaltung, biologischen Landbau sowie Umweltschutz ist und an der Universität für Bodenkultur in Wien forscht und lehrt. Für ein Gespräch mit dem INVO.report hat der Vorchdorfer Wissenschafter mit landwirtschaftlichen Familienhintergrund einen Blick auf die Klimamodellrechnungen geworfen und nachgesehen, was uns im Alpenvorland bis 2050 konkret erwartet.

Ökobilanzierungen und Nachhaltigkeitsanalysen gehören schon seit Jahren zu Stefan Hörtenhubers wissenschaftlichem Handwerkszeug. Auch die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel begleitet den Familienvater mit Vorchdorfer Wohnsitz schon seit längerem: Erst kürzlich hat Hörtenhuber mit einem Projektteam eine Förderzusage des österreichischen Wissenschaftsfonds für ein ausgedehntes mehrjähriges Forschungsprojekt bekommen, in dem er und seine Kolleg*innen untersuchen, welchen Wandel die Rinderhaltung und mit ihr der Handel und die Konsument*innen bis 2050 durchmachen sollten, um wirtschaftlich, sozial und betreffend Umwelt nachhaltig zu sein und das Klima bestmöglich zu schützen. Dass es dringenden Handlungsbedarf gibt, ist mittlerweile überall angekommen: „In Österreich beobachten wir seit 1900 einen überdurchschnittlich hohen Anstieg der Durchschnittstemperatur“, sagt Hörtenhuber. „Wir haben in den letzten 120 Jahren im Alpenvorland bereits um etwa 2,5° zugelegt und kommen damit weit über die 1,5° plus, auf die wir uns im Minimum weltweit einstellen müssen.“ Das habe unter anderem mit Österreichs Lage als Binnenland zu tun: „Wir haben kein Meer, das den Anstieg wie ein gigantischer Wärmespeicher puffert.“

Wassermangel wird kein Thema

Auch wenn es in der Fischböckau gerade erste ernsthafte Probleme mit der Wasserversorgung gibt, hat Hörtenhuber diesbezüglich tröstliche Nachrichten: „Es wird auch bei uns in Zukunft vereinzelt Jahre mit extremer Trockenheit geben, aber grundsätzlich ist das Alpenvorland von den Niederschlägen her begünstigt.“ Denn durch die höheren Temperaturen gelangt immer mehr Feuchtigkeit von den Meeren und dem Festland in die Atmosphäre. Und die führt in Summe zu mehr Niederschlag, der sich allerdings anders verteilt als früher. „Da Vorchdorf nahe am Nordrand der Alpen gelegen ist, wird es bei uns voraussichtlich auch in den nächsten hundert Jahren und hoffentlich darüber hinaus genug Regen und damit ausreichend Wasser geben“, verspricht Hörtenhuber. Allerdings wird es immer öfter vorkommen, dass zuviel Wasser auf einmal herunterkommt. Nämlich in Form von Starkregen, der potenziell zu Erdrutschen und Überschwemmungen führt.

Gleichzeitig statischer und extremer

Vergleichsweise wenige Kilometer Luftlinie weiter sind die Aussichten weitaus trister: „Im Mühl-, Wald- und Weinviertel oder im Burgenland wird es im Pflanzenanbau schon in den kommenden Jahrzehnten zu erheblichen Ernteeinbußen kommen. Unausweichlich – und zwar auch für Vorchdorf und Umgebung – ist eine Verdreifachung der jährlichen Hitzetage bis 2050. Und nach 2050 wird es einer weiteren Verdoppelung der besonders heißen Tage kommen.“ Für die seit Corona so oft beschworenen „Vulnerablen“ – sprich alte Menschen und Kinder – kann das zu einem gravierenden Gesundheitsproblem werden. In der Landwirtschaft wird es die Nutztierhaltung, diplomatisch formuliert, nicht unbedingt erleichtern. Auch ein anderer unumkehrbarer Klimatrend macht sich bereits bemerkbar: Die trotz Zunahme von Extremwetterereignissen insgesamt statischere Wetterlage. So werden Hochdruckgebiete, vorwiegend im Sommer, und im Winter vermehrt Tiefdruckgebiete zukünftig noch hartnäckiger an Ort und Stelle verharren als sie es jetzt tun. Sprich: Trockene Schönwetter- und Regenphasen werden zu wochenlangen Angelegenheiten.
Trotzdem ist Hörtenhuber optimistisch und traut der Politik die Wende zu: „Wenn wir alle Möglichkeiten ausschöpfen, schaffen wir es sogar, die globale Erwärmung auf 2° zu beschränken.“

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