M.a.D. #4: Ein peinliches Zeugnis

14. April 2022
Meinung am Donnerstag

Ein peinliches Zeugnis wurde Österreich am 7. April u. a. in der lachsrosa „Zeitung für Leser“ ausgestellt: Forscher hätten „Österreich auf den Status einer Wahldemokratie“ zurückgestuft. Der Demokratiereport, den das V-Dem-Institut der Universität Göteborg regelmäßig publiziert, wirft Österreich aus der höchstangesehenen Gruppe der „liberalen Demokratien“ – aufgrund der endlosen Korruptionsaffären, der zahllosen Untersuchungsausschüsse und der damit einhergehenden, maßlos verschlechterten Transparenz. Wähler könnten „noch demokratisch wählen“. Den gleichen Sprung nach unten machen etwa Ghana, Trinidad und Tobago sowie – mit Portugal – wenigstens ein weiteres EU-Land.

Und Transparenz in Vorchdorf? Fehlanzeige!

Vor einigen Tagen habe ich mal wieder eine lokale Parteizeitung aus dem Postkasten fischen dürfen. Ich muss an dieser Stelle wohl nicht betonen, dass mich derartige Informationen sehr interessieren. Besonders gefesselt hat mich diesmal ein als Leserbrief gekennzeichneter Beitrag einer ehemaligen Gemeindevorständin, die sich über das fehlende Miteinander und die abhanden gekommene Wertschätzung im Ort beklagt. Sie findet es in ihrem Gastbeitrag „seltsam, dass Gemeindemitarbeiter die Polizei rufen müssen, weil sich ein Gemeinderat unberechtigterweise Einsicht in Akten verschaffen möchte, die zum Wohle des Bürgers geschützt sind.“ Man beachte dabei die dezidiert männliche Ansprache, was den Kreis der Verdächtigen schon einmal auf unter 30 Personen reduziert. Oder anders herum, die wenigen Gemeinderätinnen waren nicht der Grund für den Blaulichteinsatz.

Da ich die ständigen Streitereien ja auch schon mehrfach an den Pranger gestellt habe, bin ich ehrlich entsetzt, wie weit es anscheinend schon gekommen sein soll. Da mussten Alkomat und Radarpistole doch tatsächlich wegen aggressiver Politiker eingepackt werden? Neugierig, wie ich nun einmal bin, habe ich die Autorin also umgehend per E-Mail kontaktiert, um die Fakten über den Vorfall zu erfragen. Doch was kam: nichts, keinerlei Rückmeldung erhalten, was mich dann doch stutzig machte. Daher erfolgte ein telefonischer Versuch, Licht ins Dunkel ihrer Geschichte zu bringen. Auf die Wiederholung meiner Fragen, sie möge mir doch bitte konkrete Auskünfte geben, wer denn der Missetäter und Grund für den Polizeieinsatz war, bekam ich ein flapsiges, mit einem Lachen unterlegtes „kein Kommentar“ und „ich will nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen“ zu hören.

Zurück blieb der im „Standard“ beschriebene Österreicher: Wählen durfte ich, aber transparent informiert werde ich nicht – auch nicht in einer Parteizeitung. Eine Zumutung, wie ich finde. So geht´s also auch in Togo und Ghana zu.

Öl ins Feuer gießen – wer jetzt eigentlich?

Die oben zitierten Aussagen in einem offiziellen Druckwerk, das in einer Auflage von immerhin 3000 Stück wohl die meisten Vorchdorfer Haushalte erreichen sollte, sind also kein Öl ins Feuer gießen – echt jetzt? Man kann also eine Behauptung aufstellen, sie aber auf Nachfrage dem Bürger und Wähler nicht erklären? Oder sind das Gerüchte, die man einfach streuen will? Frei nach dem Motto „A bissl was bleibt immer hängen“?

Ich habe mich aber auch noch, wiederum schriftlich und telefonisch, für genauere Auskünfte an den medienrechtlich für den Inhalt der Postille Verantwortlichen gewendet. Auch er könne mir die genaueren Details nicht nennen – aber bestätigen, dass das Verhalten einiger Politiker am Amt nicht mit guter Erziehung in Verbindung gebracht werden könne. Nun, dass die Sitten in Vorchdorf schon mit Wildwest-Manieren vergleichbar sind, das ist auch mir nicht neu – und aus meiner Sicht nicht akzeptabel, vor allem gegenüber den neutralen (und bei meinen Anliegen immer sehr hilfsbereiten!) Mitarbeitern im Amt. Was mich aber schon stört, ist die Tatsache, dass ich keine wirkliche Antwort bekommen habe: Waren unsere ansonsten ja doch höchst dienstbeflissenen Einsatzkräfte nun am Tatort? Wurde jemand verhaftet? War gar der Einsatz der Dienstwaffe vonnöten? Fragen über Fragen, die mir keiner beantworten kann oder will – die aber in eindeutiger Form von Ex-Politikerinnen in Leserbriefe gegossen werden dürfen.

Das gefährliche Stille-Post-Syndrom

Das Stille-Post-Syndrom kennt man ja. Je mehr eine Geschichte erzählen, umso bunter, aber auch unwahrer wird diese im Normalfall.

Damit wäre dann aber zumindest bewiesen, dass Vorchdorf in Österreich liegt und der eingangs erwähnte Zeitungsbericht seine volle Berechtigung hat. Der Wähler darf zwar wählen („Wahldemokratie“), hat aber keine Chancen auf ein Miteinander in Form von Transparenz und offener Kommunikation.

Sollte gerade jemand überlegen, nach Ghana auszuwandern, so kann man ihm eines mit auf den Weg geben: Mann/Frau bekommt dort zwischenzeitlich gleich viel Demokratie wie unserem Heimatland.

Einen schönen Gründonnerstag,
ein frohes Osterfest – oder eine erfolgreiche Eiersuche
wünscht Alfred E. Neumann

Ein Gedanke zu „M.a.D. #4: Ein peinliches Zeugnis

  1. Franz Steinhaeusler

    Wieder einmal hervorragend treffend von Ihnen, Herr Alfred E. Neumann, geschrieben. Als Bürger, denke ich, hat man Recht auf a) Transparenz b) vorab informiert und bei wichtigen Themen vorher befragt zu werden, Mitbestimmung (auch unter „direkte Demokratie“ bekannt). Das trifft leider beides in Vorchdorf mit der Geheimniskrämerei und „unter den Teppich kehren“ der Politiker schon seit einigen Jahren nicht mehr zu. Besonders was das leidige Thema Inkoba und der riesigen Flächenversiegelung und Ackerbodenvernichtung und die damit verbundene massive Verschandelung in Betonham (vormals Feldham) betrifft.

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