Vorchdorfer Sommergespräch #1: Josef Schwaha

26. Juli 2022

Josef Schwahas Amtszeit liegt bald zwei Jahrzehnte zurück. Auf die Frage, ob er das als Jubiläum zu feiern gedenke, lacht er bloß: „Glaub ich nicht.“ Aber das Gespräch an diesem heißen Freitagvormittag lässt an vielen Stellen erkennen: Seine rund 13 Jahre als „Ortschef“ beschäftigen ihn heute ebenso wie die Entwicklung Vorchdorfs bisher.

Wie sieht Schwaha seine Tätigkeit als Bürgermeister aus heutiger Perspektive – sachlich, aber auch gefühlsmäßig?

Sodian, Schwaha, Aschauer Pfingstbierzelt Vorchdorf

Domingo, Carreras, Pavarotti – alias Sodian, Schwaha und Aschauer; politische Farbe aufs Mascherl reduziert

„Diese Zeit war vor allem geprägt durch ein gegenseitiges Vertrauen, aber das ist kein Selbstläufer“, erinnert sich Schwaha. „Ich habe das Glück gehabt, dass mich mit den führenden Fraktionsobmännern eine persönliche Freundschaft verbunden hat.“ Dieser Zusammenhalt wurde auch öffentlich vorgeführt, spektakulär etwa bei einem gemeinsamen Auftritt Schwahas – „Das sagt eigentlich schon alles aus“ – mit SPÖ-Vizebürgermeister Klaus Aschauer und FPÖ-Chef Andreas Sodian als „Die drei Tenöre“ bei einem Pfingstbierzelt (Foto).

Bezogen auf die damalige Stimmung in Vorchdorf sagt Schwaha: „Man ist sehr leicht verleitet, dass du dem Ganzen einen Glorienschein umhängst, aber: Es gab vor der Jahrtausendwende eine Umfrage des Instituts Brunmayr, die ergab, dass die Befragten hinsichtlich Zufriedenheit mit der Gemeindepolitik und Wohlfühlen in Vorchdorf Bestnoten vergaben.

Es war aber nicht alles leicht über die Bühne zu bringen

Nicht, als hätte es keine Probleme gegeben. „Wenn es wirklich schwierig wurde, bin ich auch schon mal zum Aschauer, Sodian oder Gaisberger heimgefahren, um im persönlichen Gespräch die strittigen Punkte auszuräumen und die Projekte umsetzen zu können. Die großen Vorhaben wie Schulumbau und -neubau, Bau des Kindergartens, Umfahrungsbau und Großumbau der Kläranlage mit Anschluss der Gemeinde Kirchham konnten nur gemeinsam gelöst werden.

Die größten Widerstände gab es jedoch beim Ankauf der Kitzmantelfabrik. Damals hat mir die Symbiose mit der Kunstuni Linz, Lehrkanzel für Städtebau, Raumplanung und Wohnungswesen, sehr geholfen. Die Studenten haben ein umfassendes Werk über die mögliche Entwicklung von Vorchdorf über zwei Jahre hinweg erarbeitet, mit Arbeitsgruppen im Gemeinderat diskutiert und letztendlich in einer Ausstellung der Bevölkerung präsentiert.

Durch diese Vorgangsweise konnten viele Vorurteile ausgeräumt werden. Durch die positive Reaktion der Bevölkerung hat sich auch der Gemeinderat mit dem Projekt identifiziert. Der Kniff: Scheue dich nicht, Expertisen von außen erstellen zu lassen und die Bevölkerung offen, ehrlich und umfassend zu informieren.“

Ähnlich strategisch gelang die Umfahrung: Hätten die Fraktionen hier nicht an einem Strang gezogen, hätten die erforderlichen Grundeinlösen von den teils skeptischen Landwirten für politisches Kleingeld missbraucht werden und so scheitern können. „Es hat aber auch da von den anderen immer ganz genaue und beinharte Nachfragen gegeben. Entscheidend war eine ganz offene Kommunikation, ohne Rücksicht auf Querschüsse von der eigenen Fraktion.“

„Wir leben in einer tödlichen Umarmung.“

Aus Parteisicht gab es oft die Befürchtung, „man vergibt sich etwas, aber aus der Umfrage von Brunmayr hat man gewusst, je offener man auf die anderen zugeht, desto besser ist es in der Öffentlichkeit. Der Aschauer hat einmal gesagt: ‚Wir leben in einer tödlichen Umarmung‘. Da merkt man, dass dieser offene Umgang in den Fraktionen nicht immer geschätzt wurde, keine Frage.“ Aber: „Die SPÖ ist in der damaligen Zeit wesentlich stärker und dominanter gewesen als jetzt und hat jedenfalls ein starkes Profil gehabt.“

Frage: Würdest du es in der heutigen Situation genauso machen? – Im Prinzip ja, ist bei Schwaha herauszuhören, z. B. „eine gute Idee, egal von wem sie kommt, muss umgesetzt werden, es gibt in der Gemeinde eigentlich keinen Gegner“, aber mit einer persönlichen Einschränkung: Bei aller immens wichtigen Zuwendung zur Bevölkerung, wenn die Leute teils am Samstag, Sonntag mit einem Problem zu einem heimkommen, „das würde ich nicht mehr machen, denn da gehst am Stock“.

Ohne eine Umfrage kann man überhaupt nichts mehr machen

Ob die erfolgreiche Strategie von vor 20 Jahren auch heute noch ohne Weiteres funktionieren würde, etwa bei unauflösbaren Gegensätzen wie „keine weitere Flächenversiegelung“ versus „neue Wohnungen“, bezweifelt Schwaha.

Auf die Frage, was helfen könne, meint er: „In erster Linie muss der Gemeinderat die jetzigen Kräfteverhältnisse und auch die handelnden Personen zur Kenntnis nehmen. Sie sind demokratisch gewählt und somit anzuerkennen. Man muss erkennen, dass es eine Liste gibt, weil die Vorchdorfer mit den etablierten Parteien nicht mehr zufrieden waren.

Um das Ruder herumzureißen und eine vernünftige Zusammenarbeit im Gemeinderat zu ermöglichen, muss eine Standortbestimmung, eine Befragung der Bevölkerung durch ein externes Institut erfolgen. Die Situation stellt sich ja für einen politischen Mandatar völlig anders dar als für den Otto Normalbürger. Erst dann würde man sehen, ob die Bevölkerung die derzeitige Ortsentwicklung mitträgt. Ich denke hier besonders an die vielen Wohnbauprojekte. Besonderes Augenmerk müsste auf das neu geschaffene Gewerbegebiet in Feldham – INKOBA – und die damit verbundene Verkehrsbelastung gelegt werden, aber auch die Verschlechterung der Lebenssituation der Feldhamer und Schwerpunkte wie Messenbach oder Fischböckau könnten abgefragt werden usw.

Helfen könnte auch eine ‚Bürgermeisterinformation‘, in der die einzelnen Projekte erklärt und beschrieben werden. Wenn es Probleme oder vermeintliche Falschinformationen gibt, könnten sie hier richtiggestellt werden. Eine allgemein gehaltene Information, dass Falschmeldungen kursieren, hilft nichts und stiftet noch mehr Verwirrung.

„Wenn du jetzt einen Mediator einschaltest, rennt der davon“

Auf die Frage, welche anderen Foren, Regeln oder Einrichtungen helfen könnten, die gegenwärtigen politischen Verwicklungen aufzulösen, ist Schwaha etwas ratlos. Unserem Medium streut er Rosen, weil hier parteiunabhängige Information geliefert werde, die es sonst nicht gibt. Die Recherchen stimmten, die Tatsachen ließen sich nicht wegreden. „Der INVO.report wird von manchen als Feind angesehen; das ist grotesk.“

Aber: „Ein Mediator, wenn du den jetzt einschaltest, der rennt dir davon.“ Eine Öffnung gegenüber der Bevölkerung sei dringend erforderlich, weil wir Zeiten entgegengehen, die so schwierig seien, dass wir es uns jetzt noch gar nicht vorstellen können, sagt Schwaha. Denn eine komplette Verhaltensänderung sei notwendig, einfach um zu überleben. Es werde nicht helfen, auf Gemeindeebene z. B. darauf zu warten, dass den Bürgermeistern die Widmungshoheit entzogen wird (gemeint: um Zersiedelung und Flächenverbrauch zu stoppen), sondern die Verantwortlichen in der Gemeinde müssen begreifen, dass es ein Umdenken braucht. „Ein Bürgermeister wird zukünftig nicht mehr danach beurteilt werden, wie viel er baut, sondern was er erhalten kann. Wasser, Erde, Luft – um das geht’s.“ Das Umdenken in der Bevölkerung sei weiter, als die Politik glaubt.

Josef Schwaha (75) ist Gendarmeriebeamter im Ruhestand. Er war von 1990 bis 2003 Vorchdorfer Bürgermeister für die ÖVP.

Ein Gedanke zu „Vorchdorfer Sommergespräch #1: Josef Schwaha

  1. Franz Steinhaeusler

    Ich finde die Antworten vom Herrn Altbürgermeister richtig gut. Beim Durchlesen dieses Berichtes/Interviews habe ich oft mit dem Kopf genickt. Besonders beim vorletzten Satz, bei dem es um das Erhalten geht. Bravo Herr Schwaha. 👍

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