M.a.D. #18: Gemeinderatssitzung als Freudenhaus?

28. Juli 2022
Meinung am Donnerstag

Eigentlich dachte ich mir, mein Urlaub würde mich ein wenig milder stimmen. Aber nein, auch ausreichend Sonne und Ruhe haben es nicht geschafft: Mein absolutes Unverständnis für einige haarsträubende Meldungen im Nachlauf des Live-Streams der letzten Gemeinderatssitzung bleibt.

Ich weiß inzwischen ja, dass die Diskussionen, ob Vorchdorf nicht auch endlich einmal das Angebot eines Live-Streams von Gemeinderatssitzungen umsetzen kann, sich schon länger hinziehen als so mancher Strudelteig. Dass dies möglich ist, beweisen einige andere Gemeinden ja bereits. Dass es auch aus rechtlicher Sicht keine gröberen Bedenken gibt, hat die Aufsichtsbehörde des Landes OÖ inzwischen schriftlich klargestellt.

Von den durchaus unterhaltsamen Wortspenden zu diesem Thema habe ich ja bereits an anderer Stelle erzählt. Die scheinbar naive Frage einer Jungpolitikerin, „was denn bei einem Live-Stream übertragen wird“ – eh klar, oder? – hat sich überraschend als fast schon scharfsinnig herausgestellt. Denn ein Angriff von Porno-Bots im Chatbereich des Livestreams wäre mir als Antwort auf die rosarote Frage definitiv nicht in den Sinn gekommen.

Runtermachen statt besser machen

Jetzt hat also die Liste Vorchdorf einen Livestreams ohne lange zu fackeln übernommen, inklusive vorbeugender Entschuldigung für allfällige Anfänge-Pannen. Und dann kam es zu diesem unsäglichen Chat-Angriff von Porno-Sites aus den Tiefen des World Wide Web. Fraglos schade, und man hat für die Zukunft sicher etwas gelernt Aber ich bleibe dabei: Man hat gemacht und umgesetzt – und das finde ich trotz aller ungustiösen Vorkommnisse gut.

Was war nun die (fast schon vorhersehbare) Reaktion des politischen Mitbewerbs darauf? Nicht das Positive wurde kommentiert, dass nämlich Ortspolitik endlich bürgernäher und der Gemeinderat wahrnehmbarer wurde, sozusagen mittendrin statt nur dabei. Nein, das Schlachtfeld Facebook wird in schwarz und blau mit reißerischen Headlines wie „Husch Pfusch statt Professionell“, „Grobe Fahrlässigkeit bei Livestream“ oder „Eklat!“ vollgepflastert.

Meine Botschaft an jene, die Worte wie „stümperhaft“ und „unprofessionell“ gepostet haben: Warum greift ihr denn nicht eine gute Idee auf und sorgt alle Miteinander dafür, dass die bösen Bots die nächste GR-Sitzung nicht mehr angreifen? Geht es euch denn wirklich nur darum, konkrete Bemühungen in den Dreck zu ziehen? Eine Bankrotterklärung ist es für mich, von „technischen Pleiten“ zu schreiben, wenn man selbst nicht einmal in der Lage ist, die Basics des Datenschutzes zu beachten: So wurden tatsächlich Screenshots von Chateinträgen in die Facebook-Tiraden eingebaut, bei denen die Verfasser nicht unkenntlich gemacht oder deren Namen ausgeblendet werden. Das halte ich für hochgradig unprofessionell, weil das wäre ganz leicht vermeidbar gewesen.

Wer im Glashaus sitzt

… der soll gefälligst nicht mit Steinen werfen. Haben denn all die Facebook-Krieger den emotionalen und mehr als berechtigten Aufruf des Bürgermeisters zu „mehr Wertschätzung, Respekt und Ehrlichkeit“ am Ende der live übertragenen Sitzung nicht vernommen? Diese Worte waren ganz sicher auch an euch gerichtet!

Dialog jetzt! Das habe ich kürzlich weiß auf grün gelesen. Da schreibt ein Gemeinderat völlig richtig von „lähmender Fortsetzung der gegenseitigen Blockade“. Auch seinem Hinweis, dass „Demokratie von Dialog und Austausch lebt“, stimme ich uneingeschränkt zu. Das bedeutet für mich aber auch, gute Ideen nicht grundsätzlich abzulehnen. Alles zum Wohle und der Weiterentwicklung des Ortes ist aufzugreifen, und zwar egal von wem es kommt. Gemeinsam sollte man für eine gute Umsetzung sorgen. Wer weiß, vielleicht hätten sich die Porno-Bots nicht getraut, den Live-Chat anzugreifen, wenn alle an diesem Projekt beteiligt gewesen wären? Aber um die deftigen Worte des oben zitierten Gemeinderats aus der Vergangenheit aufzugreifen: Vielleicht liegen notorische Ablehnung und Blockade ja an einer, ich zitiere: „hitzebedingten zerebralen Einschränkung“. Also doch nur das Wetter! Dann können wir ja für die herbstliche Gemeinderatssitzung optimistisch sein. Gute Aussichten also, egal, ob live oder gestreamt.

Einen schönen Donnerstag
wünscht Alfred E. Neumann

PS: Ich habe beschlossen, das für mich selbstverständliche Mitmeinen aller Geschlechter nach eigenem Gusto zu verwenden.

2 Gedanken zu „M.a.D. #18: Gemeinderatssitzung als Freudenhaus?

  1. Kritischer Vorchdorfer

    (Name ist der Redaktion bekannt.)
    Auf Basis des via Livestream Gesehenen kann ich die Gemeindevertreter, welche die Veröffentlichung der Gemeinderatssitzung nicht unterstützen, verstehen.
    Ein derartiges Schauspiel ist einer Gemeine mit ~8000 Einwohnern und ~140 Gemeindebediensteten nicht würdig.
    Grundsätzlich habe ich Respekt vor jedem, der sich in der Gemeindepolitik engagiert, nur sollte dieses Bemühen auch, wie im Wahlkampf versprochen, im Sinne der Vorchdorfer Bevölkerung sein. Statt einer konstruktiven Arbeit, konnte ich weitgehend nur ein gegenseitiges Anpatzen und Belehren erkennen.
    Dies ist umso tragischer, da es eine Vielzahl von Herausforderungen geben würde, bei denen man mit Umsicht und Weitblick agieren müsste, um ein lebenswertes Vorchdorf zu erhalten.
    Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob die politisch Wirkenden eine Vision haben, wie sie Vorchdorf entwickeln möchten.Ich kann leider keine erkennen. Am ehesten noch Wachstum um jeden Preis.
    Aus meiner Sicht haben die politisch Verantwortlichen einer Gemeinde den Auftrag, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Bewohner bestmöglich zu gewährleiten.
    Dies soll nicht auf begrenzte Zeit gedacht werden, sondern in der Form eines „Ewigkeitsauftrages“. Ähnlich wie es in der Landwirtschaft üblicherweise das Ziel ist, einen Hof von einer Generation auf die nächste, zumindest im gleichen oder noch besseren „Zustand“, zu übergeben.
    Zum Thema „anonyme Beiträge“ möchte ich Folgendes anmerken:
    Vielleicht wäre die Zusammenarbeit im Gemeinderat in anonymer Form produktiver. Dann müssten Vorschläge und Ideen nicht automatisch abgelehnt werden, sobald diese von ungeliebten Mitstreitern kommen!
    Vielen Dank für das Interview mit Hr. Schwaha und die treffsichere Kolumne von „M.a.D.“!

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  2. Albert Sprung

    Eines steht fest: Auch die nächste Gemeinderatssitzung wird Live-Gestreamt! Wenn nicht von der Gemeinde, dann wieder von uns!

    Aber der Reihe nach: Einen Antrag zur Durchführung eines Livestreams hat es ja bereits am 8. Februar dieses Jahres im Gemeinderat (GR) gegeben – also vor einem halben Jahr. Bei eben dieser Sitzung wurde unser Antrag vertagt. Im Gemeindevorstand (GV) kam es daraufhin zu keiner weiteren Besprechung der Thematik. Auch das Schreiben der IKD vom 12.6.2022, in dem es seitens der Gemeindeaufsicht ein klares JA zum Live-Streamen von GR-Sitzungen gibt, weil GR-Sitzungen öffentlich sind, fand in keiner Weise eine Erwähnung, weder bei der GV noch bei der Übergabe der Unterlagen für die GR-Sitzung, bei der auch gegenüber den anderen Fraktionen ein Live-Stream angekündigt wurde. Nur unseren extrem guten Kontakten zu den Direktionen der Landesregierung Oberösterreich ist es zu verdanken, dass auch wir dieses Schreiben erhalten haben. Hier wollte man offenbar wieder den Deckmantel des Schweigens darüber legen. Sehr schade jedenfalls und für uns wieder einmal ein Beweis dafür, dass die alte Politik der Blockade, der Desinformation und der Intransparenz weitergeführt wird.

    Wir haben aus der ersten Übertragung sehr viel gelernt und setzen dementsprechende Maßnahmen um:
    (1) Wir brauchen eine Einbindung in die „Soundanlage“ der Kitzmantelfabrik für einen optimalen Ton oder wir müssen selbst mehrere Mikrofone aufstellen
    (2) Bei der Technik insgesamt, werden wir aufstocken, um eine adäquate Qualität zu gewährleisten (ruckfreie Übertragung, Sound, etc.)
    (3) Es wird keine Kommentarfunktion mehr geben, oder eine, bei der jeder Eintrag extra von uns freigegeben werden muss
    (4) Der/die Techniker/in, welche die Übertragung steuert, wird dementsprechend eingeschult, um auch bei etwaigen Problemen sofort eingreifen zu können

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