„Man muss die Menschen mögen“

27. April 2021

Wie man es als Bürgerliste schaffen kann, die jahrzehntelange Dominanz einer alles beherrschenden Partei in einem Ort auszuhebeln und sogar die Bürgermeisterin zu stellen: Darüber sowie über die Sonnen- und Schattenseiten des Amtes haben wir uns mit Altbürgermeisterin Uli Böker aus Ottensheim unterhalten.

Im malerischen Ottensheim, einige Kilometer donauaufwärts von Linz, war es bis ins 21. Jahrhundert nicht anders als in vielen ländlichen Gemeinden Oberösterreichs: So wie auch in Vorchdorf schien der Bürgermeistersessel in Erbpacht an die ÖVP vergeben. Doch dieser Umstand war nicht der Stein des Anstoßes für die Plattform Pro O, die in Ottensheim Mitte der 1990er Jahre Gestalt annahm – ursprünglich als politikfernes Netzwerk der vielen rührigen Vereine im Ort, die unter Beteiligung angesehener Gemeindebürger*innen nichts weiter wollten, als ihre Aktivitäten zum Wohl des Gemeinwesens besser zu koordinieren.

Der Tod als Weckruf

Doch den etablierten Ortsparteien war das Konzept mit Förderansuchen für eine geringfügig beschäftigte Koordinationskraft keine Reaktion wert, wie sich Uli Böker erinnert. Pro O blieb unter Beteiligung der Aktivbürgerin Uli Böker dennoch am Ball und nahm sich eines Ottensheimer Missstandes an: des langsamen Aussterbens des Ortskerns.
Nach und nach wurde das Vereinsnetzwerk zur überparteilichen Bürgerliste, die 1997 auf Anhieb und mit sensationellen 21 % in den Gemeinderat einzog. „Es gab eine große Unzufriedenheit mit bürgerferner Politik“, erinnert sich Uli Böker, die heute für die Grünen im oberösterreichischen Landtag sitzt. „Ausschlaggebend für den Wahlerfolg war der für viele befremdliche Plan der seit Jahrzehnten regierenden ÖVP, das Amtshaus in Kooperation mit der örtlichen Raiffeisenbank vom dahinsiechenden Marktplatz an den Rand des Ortszentrums zu verlegen.“

Der Überraschungserfolg

Die frischgebackenen Gemeinderät*innen fanden sich schnell im politischen Geschäft zurecht, zumal zwei junge Kommunalpolitiker, die bei ihrer Partei aus weltanschaulichen Gründen nicht mehr wohlgelitten waren, von der ÖVP zur Bürgerliste wechselten. Und da Pro O mit über 20 % ein Platz im Gemeindevorstand gebührte, war auch der Zugang zu den entscheidenden Informationen gewährleistet. „Trotzdem ist man als Bürgerliste gut beraten, die Gemeindeordnung gründlich zu studieren und herauszufinden, welche Informationen einem als Fraktion zustehen und von wem man sie zu bekommen hat“, betont Böker.
Dass politische Macht vor allem aus Information besteht, wurde ihr so richtig klar, als sie 2003 eher zufällig für Pro O als Bürgermeisterkandidatin an den Start ging – und die Stichwahl nach 37 % im ersten Wahlgang knapp mit 52 % der Stimmen gewann. Was war bei der ÖVP schiefgegangen? Der schwarze Bürgermeister war nicht gewählt, sondern von der Partei als Nachrücker ins Amt geschickt worden. Augenscheinlich eine Verlegenheitslösung, weder fachlich noch als Redner hervorstechend.

Weiblich, klein, geschieden

Die Reaktionen im Ort fielen gemischt aus, schmunzelt Böker: „Eine Frau?!? Und so klein! Geschieden ist sie auch noch.“ Das Wahlprogramm der Bürgerliste habe keine große Rolle für den Erfolg gespielt, ist Böker heute sicher: Es sei „der Zauber des Neuen gewesen“ und der Umstand, dass sie als unverbrauchte Debütantin noch keine politischen Altlasten mitschleppen musste.
Zum Zauber der neuen Bürgermeisterin gehörte, dass sie die Währung der Macht frei im Gemeinderat zirkulieren ließ: „Als Bürgermeisterin hast du alle Informationen am Tisch, viele davon bekommst du als Erste. Es liegt ganz an dir, wie du damit umgehst: Du kannst Information zurückhalten oder teilen.“
Böker teilte und legte so den Grundstein für einen politischen Klimawandel im Ort: Ambitionierte Projekte wie die Revitalisierung des Amtshauses sowie des Marktplatzes unter der Regie von Stararchitekt Boris Podrecca oder die mehrjährige Erarbeitung eines umfassenden Ortsentwicklungskonzeptes erfolgten unter reger Bürger*innenbeteiligung. Um den Preis, „dass Partizipation für einen Gemeinderat und die Verwaltung arbeitsaufwändig und anstrengend ist“, wie Böker weiß.

Nicht ohne meine*n Amtsleiter*in

Das gute politische Miteinander im ältesten Markt des Mühlviertels fand ein jähes Ende, als Böker und Pro O bei den Wahlen 2009 noch einmal deutlich zulegten – zum Missfallen der politischen Mitbewerber und deren Bezirks- und Landesparteiorganisationen. Sie ließen ihre Stellvertreter den „Kuschelkurs“ beenden und schalteten auf Widerstand um. „Die zweite Amtsperiode war deutlich mühsamer als die erste“, erinnert sich Böker.
Dass dennoch Vieles gelang, hat sie nicht zuletzt der Loyalität ihres Amtsleiters und danach ihrer Amtsleiterin zu danken: „Ich habe in anderen Gemeinden mehrfach miterlebt, wie alteingesessene Amtsleiter Bürgermeisterneulinge in den Rücktritt getrieben haben. Wenn du keinen loyalen und fachlich guten Amtsleiter hast, kannst du mit deiner Macht gar nichts anfangen.“

Bescheid wissen von Kanal bis Kultur

An Macht gewöhnt man sich schnell, manche berauschen sich auch daran und werden abhängig. Dieser Falle entgeht man nur, indem man geerdet und reflektiert bleibt. Und sich bewusst macht, dass die Macht nur auf Zeit geliehen ist. Doch das allein macht noch keine*n gute*n Bürgermeister*in aus.
„Man muss die Menschen mögen“, antwortet Uli Böker auf die Frage, was es dazu alles braucht. „Man sollte ein ungefähres Querschnittwissen mitbringen, das vom Kanalbau bis zur Kultur reicht. Außerdem musst du anpacken können, und rhetorische Begabung zu haben, ist auch kein Fehler.“

Trotzdem menschlich bleiben

Die Menschen immer zu mögen, fällt allerdings selbst der freundlichsten Bürgermeisterin nicht immer leicht. In aller Regel dann, wenn man wieder einmal zur Zielscheibe für Verleumdung und Beleidigungen geworden ist. „Man muss in diesem Job jede Menge aushalten und sich ein dickes Fell zulegen“, bestätigt Uli Böker. „Kurz vor den Wahlen häufen sich die Untergriffe.“
Auch wenn es mehr als einen Tag gab, an dem sie mit einem Rücktritt liebäugelte, hat sie letztlich einen Weg gefunden, mit diesen Verletzungen umzugehen: „In der Bürgerliste hatte ich ein zuverlässiges Team von Menschen, die mir immer wieder den Rücken gestärkt haben. Wenn es gar zu arg wurde, habe ich mir auch professionelle Hilfe in Form eines Coachings geholt. Du darfst einfach nicht zulassen, dass du total verhärtest und zur Menschenfeindin wirst.“

Das Gespräch mit Uli Böker führten Florian Sedmak und Michael Praschma per Video am 25. April.

Ulrike (die alle nur Uli nennen) Böker, Jahrgang 1956, war lange gar keine Grüne, wird aber immer dafür gehalten. Sie ist vor allem Ottensheimerin. Hier aufgewachsen, bewegte sie sich seit 1987 in der oberösterreichischen Kulturszene, unter anderem als Obfrau des Dachverbands Kulturplattform OÖ (KUPF) und Geschäftsführerin des Festivals der Regionen.
Die Ottensheimer Bürgerliste Pro O. gründete sie 1997 mit und wurde ein Jahr später Gemeinderätin der Liste. Nach ihrer zweiten Amtszeit als Bürgermeisterin kam sie 2015 über die Landesliste der Grünen in den oö. Landtag. Naturschutz und Raumordnung sind ihr neben weiteren Bereichen besonders wichtige Anliegen der politischen Arbeit.

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