Tot oder lebendig: Der Ortskern

18. Mai 2021

Der Architekt, Kulturmanager und Politiker Roland Gruber aus Kärnten beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Wiederbelebung ausgestorbener Ortskerne. Dazu braucht es einen starken Willen, engagierte Beteiligte – und viel Geduld.

Für die Vitalfunktionen eines Ortes hat Roland Gruber ein einprägsames Bild gefunden: Ein Ort kann entweder ein Krapfen sein, in dem sich die Marmelade in der Mitte des Gebildes befindet. Statt der Fülle kann in der Mitte aber auch Leere herrschen: Wenn dort nichts mehr ist, ist aus dem österreichischen Krapfen ein amerikanischer Donut geworden. Soll heißen, dass die Geschäfte und Lokale im Ortszentrum weitgehend w.o. gegeben haben und sich das Leben rund um das verwaiste Ortszentrum in den Super-, Fach- und Baumärkten draußen an den Umfahrungsstraßen abspielt. Dort, wo noch vor einigen Jahrzehnten grüne Wiesen statt der „Blechschachteln“ waren, wie sie Gruber nennt.

Was kommt, wenn der Piefke geht?

Ein Szenario, für das auch in Vorchdorf in den letzten Jahren mehr als genug getan worden ist. Freilich, noch ist der Ortskern nicht tot: Es gibt attraktive Gastronomie, Juwelier Gruber hat wohl einen Nachfolger gefunden, und weil Carmen und Richard Stenz mit dem Escape House in der Lambacher Straße einen weiteren Leerstand verhindert haben. Doch wenn „Piefke“ Heinz Rebig und Karl Plaichinger schließen, kann die Situation auch schnell kippen. Auch im Zentrum Vorchdorfs gibt es von der Bahnhofstraße bis in den Kapellenweg bereits Leerstand, zum Teil schon seit Jahren. An der Neuen Landstraße schaut das bekanntlich anders aus: Dort rollt der Rubel, und mit ihm der Verkehr.

Ein Sündenfall und seine Folgen

In vielen anderen Orten ist der Kontrast zwischen totem Zentrum und verschandelter, aber profitabler Peripherie schon viel deutlicher als in Vorchdorf. Doch obwohl man eigentlich weiß, welch verheerende Folgen die Schaffung von Geschäftsflächen auf der sprichwörtlichen grünen Wiese am Ortsrand mittel- bis langfristig für das Zentrum hat, gibt es immer noch Orte wie Pettenbach, die sehenden Auges ins Verderben ihrer Mitte laufen.

Warum es Negativbeispiele wie dieses noch immer gibt, versteht auch Roland Gruber nicht. Wieso aus den Krapfen von früher die Donuts von heute geworden sind, ist für den vielseitigen Lebensraumgestalter aus Kärnten jedoch einfach erklärt: „Sobald du quasi mit dem ersten Sündenfall das erste Objekt außerhalb des Ortszentrums genehmigt hast, tust du dir in der Argumentation ganz schwer, weitere Umwidmungen und Baungenehmigungen zu verweigern.“

Die Rettung: Raumordnung und Spezialisten

Zart und langsam kündigt sich da und dort eine Trendumkehr an: In einigen Bundesländern sind die Raumordnungsgesetze so verschärft worden, dass Flächenentwicklung nur mehr im Ortskern stattfinden darf. Oder dass es keine weiteren eingeschoßigen Geschäftsgebäude mehr geben darf, sondern nur mehr mehrgeschoßige und multifunktionale Bauten, in denen unten geshoppt und oben gewohnt bzw. im Büro gearbeitet wird. „Das Zauberwort heißt Bodenversiegelung“, sagt Gruber: „Es wird mehr und mehr Menschen klar, dass wir damit nicht mehr so weitermachen können.“

Mit seiner Unternehmung nonconform – halb Architekturbüro, halb mit dem Staatspreis für Consulting ausgezeichnetes Bürger*innen-Beteiligungsmodell – arbeitet er in den letzten Jahren während des größten Teils seiner Arbeitszeit mit Kommunen, die sich vom Donut wieder in einen Krapfen zurückverwandeln wollen. „Dazu brauchst du Pioniere, die auf etwas spezialisiert sind, das du nicht so ohne weiteres woanders oder im Internet bekommst: Sonderanfertigungen, Beratung, Reparatur.“
Rund um mehrere solche Pioniere kann dann nach und nach wieder so etwas wie ein Geschäftsleben im Zentrum entstehen. „Die Voraussetzung dafür ist aber, dass draußen keine einzige weitere Blechschachtel mehr dazu kommen darf“, weiß Gruber. Ebenso wie er weiß, dass für einen solchen Revitalisierungsprozess rund zehn Jahre zu veranschlagen sind.

Trofaiach hat es schon geschafft

Ein Paradebeispiel für eine gelungene Wiederbelebung ist Trofaiach, wo mit Hilfe von Architekturstudierenden ein funktional zusammenhängendes Netzwerk von 50 Erdgeschoßen entstanden ist. Oft sind es auch ganz einfache Dinge, die wirken: „Zum Beispiel eine wirklich luxuriöse öffentliche Toilette im Zentrum, wie sie die Leute aus dem Einkaufszentrum kennen.“
In Trofaiach wusste der Bürgermeister nicht nur das zu ermöglichen, sondern auch ein geplantes Einkaufszentrum im Nachbarort zu verhindern: „Dafür wird er jetzt gefeiert.“ Auch, weil der Südtiroler Outdoor-Ausrüster Salewa jetzt mit einem großen Fachgeschäft bewusst ins Zentrum von Trofaiach geht.

Die Begrünung der Asphaltwüsten

Parallel – oder im manchen Fällen vielleicht auch alternativ – zur Ortskern-Revitalisierung hat Gruber eine zweite Strategie in petto: Die bewusste Umwandlung der atmosphärisch und optisch meist wenig ansprechenden Shopping-Zonen vor dem Ort. In begrünte und bepflanzte Oasen, in denen man bewusst Schulen, Kindergärten und hochwertige Wohnhäuser baut, um die öden Monokulturen aufzubrechen und wieder die ganze Artenvielfalt des Lebens hineinzubringen. Für die Zukunft ist Gruber durchaus optimistisch: „Durch Corona hat sich das Einkaufsverhalten so in Richtung Internet verlagert, dass wir vielleicht schon bald gar nicht mehr so viel Einkaufsfläche brauchen. Dann wird die Leerstandsthematik auch auf die Ortsränder durchschlagen, und dann man kann dort wieder viel gestalten und bewegen. Und vielleicht entdecken die Menschen das Zusammenleben wieder.“

Sicher ist der Nonkonformist jedenfalls, dass die Generation, die gerade am Zug ist, gestalterisch und ortsentwicklerisch in der Pflicht steht: „Wir müssen jetzt die Scherben des Porzellans aufklauben, das in der Vergangenheit zerschlagen worden ist.“

Roland Gruber, 1972 in Bad Kleinkirchheim geboren, studierte Architektur in Linz und Zürich sowie Kulturmanagement in Salzburg. Seit 1999 ist er als Mitgründer Partner und Geschäftsführer von nonconform mit Schwerpunkt Architektur und Zukunftsraumentwicklung von Kommunen, Städten und Unternehmen.
Er ist bzw. war Initiator und Kurator der Leerstandskonferenz, Mitgründer von LandLuft (einem Verein zur Förderung von Baukultur in ländlichen Räumen), Zukunftsorte (der Plattform der innovativen Gemeinden Österreichs) sowie von RURASMUS  (einem europäischen Stipendium, das junge Menschen aufs Land bringt. Seit 2021 ist er parteifreier Vizebürgermeister der Gemeinde Moosburg in Kärnten.

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