Verabschiedungshalle

Die Verabschiedungshalle: Chronik einer schwierigen Geburt

25. August 2021

Erst unlängst hat Vorchdorf wieder einmal Schlagzeilen gemacht. Anlass: der geplante Neubau der Verabschiedungshalle beim Friedhof: Dort drohen die Kosten zu explodieren. Wir haben uns durch alle zugänglichen Protokolle gekämpft und herauszufinden versucht, wie es dazu kommen konnte.

2018 fasst der Gemeinderat einen Grundsatzbeschluss und gibt grünes Licht für die Neuerrichtung der Verabschiedungshalle am Vorchdorfer Friedhof. Die alten Räumlichkeiten sind in die Jahre gekommen, zu klein und nicht mehr sonderlich geeignet, Verstorbenen ein letzes Adieu zu sagen. Das neue Objekt soll westlich des Friedhofs – also auf den Äckern Richtung Lidl-Filale und Steingartenweg – entstehen. Zwischen 100 und 120 Sitzplätze soll es bieten, dazu einige Stehplätze für besonders gut besuchte Trauerfeiern sowie eine Überdachung des Außenbereichs.

Die Wunschgrundstücke gehören allerdings weder der Pfarre noch der Gemeinde. Organisatorisch ist die Sache nicht so einfach: Für den Erwerb des Grundstückes soll nach Auffassung der Gemeinde das Stift Kremsmünster zuständig sein – als die kirchliche Instanz, die für die Pfarre diesbezüglich maßgeblich ist. Wie Pater Franz den INVO.report wissen ließ, hätte die Diözese Linz einem solchen Geschäft allerdings nicht zugestimmt. Das Argument: Verabschiedungshallen fallen aufgrund ihres überkonfessionellen Charakters in den Zuständigkeitsbereich der jeweiligen Kommune. Für den Bau der neuen Verabschiedungshalle bedarf es einer eigenen Bau- und Errichtungsgesellschaft, in der die Hauptrolle der Marktgemeinde Vorchdorf zufallen soll.

Planung ohne Grundstück

Auf eine Unterstützung angesprochen, kommt vom Land Oberösterreich ein Njet: Das Projekt erscheint überdimensioniert und daher nicht förderwürdig. Doch der Vorchdorfer Gemeinderat hält trotzdem an dem Projekt in diesem Umfang fest – einstimmig und das obwohl die evangelische wie auch die katholische Pfarrgemeinde betont, zu Verabschiedungen wie bisher in die Kirchen einzuladen. Die SPÖ-Fraktion lässt protokollieren, dass sie sich den Vorgaben des Landes verweigere.

Daraufhin lädt die Gemeinde Vorchdorf zu einem Architektenwettbewerb, aus dem das Projekt des Vöcklabrucker Büros Gaertner+Neururer siegreich hervorgeht. Es kommt zu einem Vertragsabschluss mit den Architekten. Die Gemeinde leitet die Umwidmung der Grundstücke ein. Beides ist durchaus bemerkenswert, wenn nicht kühn: Denn die für das Projekt ins Auge gefassten Grundstücke sind noch gar nicht angekauft und gehören weder der Pfarre noch der Gemeinde. Tatsächlich wird der Ankaufsversuch scheitern. Und zwar an dem misslungenen Versuch, die beiden Grundstückseigentümer gegeneinander auszuspielen, wie einer der beiden dem INVO.report erklärt.

Wundersame Kostensenkung

Im Juli 2019 werden die voraussichtlichen Errichtungskosten der neuen Verabschiedungshalle verlautbart: 1.359.997 Euro – ohne Mehrwertsteuer und ohne die Kosten für den Erwerb der Liegenschaft. Für die Architekten, Statiker, Haus- und Elektrotechnikplanung sowie die Gesamtkoordination sowohl der Planungen als auch der Baustelle samt örtlicher Bauaufsicht sollen weitere 115.800 Euro anfallen. Das summiert sich zu Gesamtkosten von 1.475.797 netto bzw. 1.770.956 Euro inklusive 20% Mehrtwertsteuer.

Nicht ganz ein Jahr später kommt es zu einem Standortwechsel für das Projekt: Ohne weitere Behandlung im Gemeinderat soll die neue Verabschiedungshalle genau dort gebaut werden, wo jetzt noch die alten Räumlichkeiten stehen – dort sind die Grundeigentumsverhältnisse ja bereits geklärt. Obwohl das weder ohne Umplanung noch ohne Abriss des Bestandes möglich ist, sollen die Gesamtkosten im April 2020 nur mehr bei 1,6 Millionen Euro brutto (!) liegen – also deutlich unter der im Sommer 2019 geschätzten Summe.

aktueller Plan zur Verabschiedungshalle

Buntes Kostenpotpourri

Im September 2020 bekommt dann auch der Vorchdorfer Gemeindevorstand den Baurechtsvertrag zu sehen. Reinhard Ammer von den Grünen merkt dazu an, dass es sich wohl nur um einen Vertragsentwurf handeln könne, zumal relevante Daten fehlen würden. Ende 2020 beschließt der Gemeinderat dann, die Verabschiedungshalle im Jahr 2021 zu realisieren und zur Finanzierung der Kosten von 1.636.300 Euro brutto ein Bankdarlehen von 614.150 Euro aufzunehmen. Aus den Unterlagen ließ sich für INVO.report allerdings nicht eruieren, ob bereits angefallene Kosten Teil der Gesamtsumme von 1.636.300 Euro sind bzw. waren. Dazu gehören 53.784,00 brutto für die Architekten, die Kosten für den Architektenwettbewerb sowie 3.934,64 netto für den Stromanschluss mittels Erdkabel. Ausdrücklich wird hingegen erwähnt, dass die neuen Richtlinien der Gemeindefinanzierung eingehalten werden müssen.

Auf einmal wird’s doch teurer

Dann wird es wieder ruhiger um das Projekt, bis es im Frühsommer dieses Jahres finanziell neu bewertet wird: Auf einen Schlag werden die 2020 beschlossenen Gesamtkosten von 1.636.300 Euro auf 2.374.417 Euro brutto angehoben. Denn mit einem Mal werden doch noch Abbruchkosten einkalkuliert; außerdem gibt es – so heißt es jedenfalls – eine neue Mauer zu errichten und eine Brunnenanlage zu installieren. Kurz darauf werden die Kosten nochmals relativiert und wieder auf 1.981.000 Euro reduziert. Wie die Einsparungen zustande kommen sollen, wird nicht näher ausgeführt. Sicher ist nur, dass vorläufig auf die geplante Photovoltaik-Anlage verzichtet wird.

In seiner Sitzung vom 29. Juli 2021 beschließt der Gemeinderat ein Bankdarlehen von knapp 900.000 Euro. Bis auf Albert Sprung (nunmehr Liste Vorchdorf), der sich enthält, stimmen alle Gemeinderätinnen und -räte dafür. Auch die Vergabe von Aufträgen im Wert von ca. 1,3 Millionen Euro wird durchgewunken.

Offene Fragen

So weit, so gut. Doch einige Fragen bleiben offen. Unter anderem die, ob bei der Abstimmung alle Mandatarinnen und Mandatare ausreichend informiert waren. Und jene, ob in die aktualisierte Baukostensumme wirklich alle Posten eingerechnet sind. Fraglich scheint auch, ob der Kostenrahmen angesichts der massiven Verteuerung der Baustoffe wirklich halten kann und wird. Auf eine externe örtliche Bauaufsicht wurde jedenfalls bewusst verzichtet; auch die geschäftliche und technische Projektleitung wurde um 50 % gekürzt. Gerade die gewährleistet aber üblicherweise eine effizientere Bauabwicklung und die Einhaltung des geplanten Budgets. Man darf also durchaus gespannt sein, welche Summe unter der Endabrechnung stehen wird.

 

Ein Gedanke zu „Die Verabschiedungshalle: Chronik einer schwierigen Geburt

  1. Albert Sprung

    Die Angabe, wie in eurem Bereicht angeführt:

    „In seiner Sitzung vom 29. Juli 2021 beschließt der Gemeinderat ein Bankdarlehen von knapp 900.000 Euro. Bis auf Albert Sprung (nunmehr Liste Vorchdorf), der sich enthält, stimmen alle Gemeinderätinnen und -räte dafür. Auch die Vergabe von Aufträgen im Wert von ca. 1,3 Millionen Euro wird durchgewunken“

    stimmt leider nicht. Ich habe dagegen gestimmt. Es gab aber noch eine weitere Enthaltung.

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