Vorchdorfer Sommergespräch #3: Gerhard Wiener – ein junger Politpensionär

16. August 2022

Für dieses Sommergespräch waren wir bei Gerhard Wiener zu Hause eingeladen. Nachdem er sich nach den letztjährigen Wahlen als Gemeinderat aus der Ortspolitik zurückgezogen hatte, erklärte er zeitgleich auch seinen Austritt aus der FPÖ. 

INVO.report: Die Tage sind gerade ziemlich heiß, nicht nur wettermäßig. Nachdem Sie vor zehn Monaten alle politischen Funktionen zurückgelegt haben, fehlt Ihnen denn die Politik?

Gerhard Wiener: Ja und nein. Einerseits ja, weil es sehr interessant war, mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, auch aus anderen Parteien, an Ideen zu arbeiten und dabei deren Sichtweisen kennenzulernen. Gute Ideen, nur weil sie von den anderen kamen, habe ich niemals grundsätzlich abgelehnt. Auch wenn ich vieles nur noch am Rande mitbekomme, ein Nein deshalb, weil das aktuell wohl anders zu laufen scheint und mir daher nicht wirklich abgeht.

IR: Ganz ehrlich, verspüren Sie noch häufiger das Gefühl, sich zur Ortspolitik zu Wort melden zu wollen?

GW: Ein Sprichwort sagt „Es gibt für alles eine bestimmte Zeit.“ Meine Zeit im Gemeinderat ist vorbei, wofür es auch bestimmte Gründe gibt. Ich will jetzt niemandem von der Hinterbank aus gute Ratschläge erteilen, das ist nicht meines, das habe ich auch in meinem Berufsleben so gehalten. Von daher, nein, es juckt mich eigentlich gar nicht mehr. Wenn man mich aber um meine Einschätzung fragt, wie das auch der Fall war, dann stehe ich gerne zur Verfügung.

IR: Die Wahl liegt nun schon fast zehn Monate zurück. Wie sieht denn Ihr Resümee aus?

GW: Ganz ehrlich, es ist eine andere Zeit, und ich will ganz sicher niemanden anpatzen. Tatsache ist doch, dass zwei neue Gruppierungen im Gemeinderat vertreten sind. Meiner Erfahrung nach braucht es aber eine gewisse Zeit, bis man sich in die Aufgabe reingefunden und die Abläufe verstanden hat. Ich hoffe sehr, dass es hier bald wieder mehr um den Ort und seine Entwicklung gehen wird. Was mir in meiner letzten Periode viel Spaß gemacht hat, war die Funktion als Obmann des Prüfungsausschusses. In diesem Gremium war jede Partei vertreten. Es ging in unseren Diskussionen nie um Parteipolitik, sondern es hat immer das Wohl der Gemeinde im Vordergrund gestanden. Das war wirklich konstruktive Gemeindearbeit, und die geht mir aktuell ab.

IR: Ohne Öl ins Feuer gießen zu wollen, das scheint momentan wohl eines der Probleme zu sein. Könnte externe Hilfe zu einer Umkehr und mehr Sacharbeit verhelfen?

GW: Das müssten erstmals alle wollen, sonst wird das nicht funktionieren. Wichtig wird aus meiner Sicht aber auch sein, allen Fraktionen den gleichen Wissensstand zu vermitteln.

IR: Wie darf ich das verstehen?

GW: Es war auch schon zu meiner Zeit immer wieder problematisch, dass man bestimmte Informationen nicht erhalten hat. Da fühlt man sich dann schon ziemlich alleinegelassen, hin und wieder auch von der eigenen Fraktion. Da kommt dann schon einmal das Gefühl auf, dass man nichts bewegen und seine Aufgabe nicht ordentlich erledigen kann.

IR: Haben Sie konkrete Wünsche an die Politik?

GW: Vorchdorf kauft ein Lastenrad, das den Bürgern zur Verfügung stehen soll. Aber wo sind denn bitte die geeigneten Radwege dafür? Bei uns wird umgewidmet und oftmals erst danach über die Infrastruktur nachgedacht. Da wird schon gebaut, ohne zu wissen, wie man zur Garage kommt. Gerade bei Umwidmungen war ich daher oftmals ein Einzelkämpfer – leider. Dass es auch anders geht, beweist der Blick in andere Gemeinden. Ein konkreter Wunsch wäre also, dass sich diesbezüglich etwas ändert.

IR: Nehmen wir für einen Moment an, Sie sind der aktuelle Bürgermeister der Marktgemeinde Vorchdorf. Was wären denn Ihre Prioritäten?

GW: Zu allererst gehören offene Projekte endlich abgeschlossen. Als Bürgermeister würde ich mich bemühen, die Tagesordnung einer Gemeinderatssitzung zu straffen, um deutlich mehr Zeit für Diskussionen zu schaffen. Einige Punkte könnte man sicherlich schon im Vorfeld abarbeiten. Das ist für mich auch eine Frage der Priorisierung.

IR: Es wird uns immer wieder gesagt, das Wort „Streit“ wäre fehl am Platz. Wie sehen Sie das, alles eitel Wonne?

GW: Streit ist ja per se für mich nicht unbedingt negativ – solange man das Niveau hält. Ob das momentan der Fall ist, bezweifle ich allerdings.

IR: Aufgrund Ihrer Erfahrungen, haben Sie konkrete Verbesserungsvorschläge?

GW: Die Fraktionsmappen, also die Tagesordnungspunkte für die Gemeinderatssitzung, werden am Donnerstag davor übergeben. Dann will jeder sein Wochenende für sich haben. Die parteiinternen Fraktionssitzungen finden dann zumeist erst am Montag statt. Damit ist die Zeit für Beratungen und Vorbereitungen natürlich mehr als knapp bemessen. Und am Dienstag soll man im Gemeinderat dazu abstimmen. Kein Wunder, dass sich dann Entscheidungen nachträglich auch einmal als problematisch herausstellen können. Problematisch waren oftmals Diskussionen zu Verträgen. Es ist für mich nicht ganz einfach gewesen, jedes Details zu verstehen, und ich habe mir oft eine bessere Vorbereitung gewünscht.

IR: Was waren Ihre ganz persönlichen Highlights, und was haben Sie in nicht so guter Erinnerung, wenn Sie an Ihre politische Karriere zurückdenken?

GW: Beim Bau des Seniorenheimes habe ich rückblickend gesehen zu wenig Druck für die Bevölkerung gemacht. Es hat ja mehrere alternative Standorte gegeben, die alle aus teilweise fadenscheinigen Gründen abgelehnt wurden. Damit hätte man viele ältere Mitbürger nicht in Heime in andere Gemeinden übersiedeln müssen. Dieses Thema ist für mich ein durchaus emotionales, denn dabei ist bei vielen Betroffenen großes Leid entstanden. Außerdem hat man jetzt anscheinend das Problem, dass viele Pflegerinnen Vorchdorf ebenfalls verlassen haben und es wohl Schwierigkeiten gibt, für das neue Heim entsprechendes Personal zu finden. In guter Erinnerung ist mir, dass es mir gelungen ist, beim Projekt Boarding House auf dem sogenannten Ein-Euro-Grundstück ein zusätzliches Stockwerk zu vermeiden. Es war mir wichtig, mich für die Anrainer einzusetzen. Diese Grundsatzentscheidung sollte sich auch nachhaltig für andere Bauvorhaben in Vorchdorf auswirken.

Stolz macht mich auch, dass es für mich keinen Klubzwang gab und ich immer für meine Überzeugungen eingetreten bin.

Vor allem die Erinnerung an meine erste Periode unter Bürgermeister Josef Schwaha verbinde ich mit positiven Erinnerungen. Zwischenmenschlich hat es gepasst; auch wenn man unterschiedlicher politischer Meinung war, ist man nach einer Sitzung auf ein Bier gegangen und hat Dinge ausdiskutieren können.

IR: Mit Ihren Erfahrungen, würden Sie Gemeindepolitik heute anders betreiben, was würden Sie anders machen?

GW: Ja, ich würde gewisse Dinge anders angehen. Dort, wo ich zu wenig Kompetenz habe, würde ich das deutlicher sagen und mich bei Abstimmungen entsprechend verhalten. Denn einfach die Hand zu heben, weil das Parteikollegen so machen, darf einfach nicht sein. Besonders die Tätigkeit als Ersatzmitglied im Gemeinderat sehe ich diesbezüglich recht problematisch, da steckt man einfach zu wenig im Detail.

IR: Wir vom INVO.report wollen aktiv einen Beitrag zu mehr Transparenz und einem offenen Klima für Vorchdorf leisten. Erreichen wir denn unser Ziel?

GW: Das, was der INVO.report macht, ist ja fast überfällig – aber klar ist auch: Es wäre nicht notwendig, wenn die Parteien allesamt besser informieren würden. Bleibt eigentlich nur die Frage, warum die Fraktionen das denn nicht tun?

IR: Lieber Herr Wiener, wir bedanken uns für das anregende Gespräch und die offenen Worte. Genießen Sie den Sommer!

Gerhard Wiener, 71, war 1997–2003 und 2015–2021 als Gemeinderat tätig. In der letzten Periode stand er auch dem Prüfungsausschuss der Gemeinde als Obmann vor. Im Herbst 2021 hat er alle Funktionen zurückgelegt und ist auch aus der FPÖ ausgetreten. 

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