Bildungscampus Vorchdorf: Ein kurzer Rückblick auf das lange Warten

1. Mai 2022

Campus bedeutet „Feld“. Und manche Felder zu beackern, scheint in Vorchdorf besonders hart zu sein. Zum Beispiel der Bildungscampus, mit dem wir uns heute in Teil 2 unserer Miniserie beschäftigen. Zuletzt erschienen: M.a.D. #6 – Dauerlauf oder Bildungscampus?
Er hätte ein Leuchtturm-Projekt mit Vorbildwirkung für das ganze Land werden sollen: Der erste Bildungscampus Oberösterreichs am Standort Vorchdorf. Eine Rückschau.

Wie alles beginnt
Wir schreiben das Jahr 2013, in dem Österreich per europäischem Abkommen kurz vor der Einführung des Inklusionsprozess steht: Kinder mit Behinderungen sind dann zwingend in ganz normalen Klassen zu beschulen. Susi Windischbauer, derzeit Leiterin der Volksschule Pettenbach, und die damals designierte Vorchdorfer Volksschulleiterin Michaela Ohler – beide INVO.report-Mitgründerinnen – begeistern den Vorchdorfer Gemeindevorstand mit einem Konzept, dessen Umsetzung Vorchdorf zur inklusiven Modellregion machen würde.

Die Campus-Idee entsteht
Daraus entwickelt sich die Idee, in Vorchdorf den ersten Bildungscampus Oberösterreichs zu schaffen, wie ihn sich die damalige Bildungslandesrätin Doris Hummer nach nationalen und internationalen Vorbildern wünscht: Einen zentralen Ort für Bildung für alle – vom Kleinkind bis zu den Senior*innen.

Der Prozess beginnt
Die Marktgemeinde Vorchdorfer holt die entsprechend spezialisierten Architekten Michael Zinner und Roland Gruber mit seinem Büro non:conform ins Boot. Susi Windischbauer und Florian Sedmak – ebenfalls INVO.report-Mitgründer – begleiten den Entwicklungsprozess, in den von der Krabbelstube und dem Kindergarten über die Schulen bis hin zur MIBA praktisch alle eingebunden sind, die in Vorchdorf für Bildung und Ausbildung zuständig sind.

Das Konzept
In einem Zeitraum von mehreren Monaten, in dem die Gruppe der Beteiligten auch bestehende Bildungscampi in Moosburg und Wiener Neudorf sowie den damals kurz vor der Eröffnung stehenden Bildungscampus Sonnwendviertel beim Wiener Hauptbahnhof besucht, entsteht das räumliche und inhaltliche Konzept für den Vorchdorfer Bildungscampus. Es sieht enge Institutionen-übergreifende Zusammenarbeit, die systematische Beteiligung sogenannter „schulfremder“ Menschen mit speziellem Knowhow am Unterricht sowie eine neue Architektur für zeitgemäßen Unterricht vor: Flexibel und vielseitig nutzbare Räume, die mehr ermöglichen als Frontalunterricht. 2014 ist alles so weit umsetzungsreif, dass ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben wird.

Wettbewerb und Stillstand
Der Architekturwettbewerb wird noch durchgeführt; dann gerät das ganze Projekt ins Stocken. Bildungslandesrätin Hummer wird von ihrer Partei abberufen, ihr Nachfolger hat offenbar kein gesteigertes Interesse mehr am Modell Bildungscampus. Offensichtlich gelingt es der Marktgemeinde Vorchdorf nicht (mehr), am Amt der Landesregierung erfolgreich für das Projekt zu lobbyieren. 2015 beginnen die Jahre, in den die Schulen auf Nachfrage von der Gemeinde mit dem Stehsatz „Es ist alles auf Schiene, die Gespräche laufen“ vertröstet werden. Im Hinblick auf den erwarteten Neubau werden alle Erhaltungsmaßnahmen am bestehenden Schulgebäude-Komplex auf das absolute Minimum heruntergefahren.

Der Status quo
Ohne dass auch nur ein Kubikmeter Erde bewegt worden wäre, klettern die geschätzten Baukosten von rund 10 Mio Euro 2015 auf über 20 Mio Euro 2022. Die Planung ist inzwischen von der Wirklichkeit überholt worden. So führt die Volksschule mittlerweile bereits 14 statt der vorgesehenen 12 Klassen, und die Nachmittagsbetreuung ist ganz anders organisiert. Die Idee, die Schulausspeisung in die Fischböckau zu verlegen, wirkt ebenfalls überdenkenswert. Von der Aufbruchsstimmung und der Vision eines beispielgebenden Schul- und Bildungsstandortes Vorchdorf ist nicht mehr viel übrig. In einer Aussendung stellt die ÖVP Vorchdorf in Aussicht, einen neuen Realisierungsanlauf unternehmen zu wollen.

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