Nein, Gefängnis droht uns in Vorchdorf nicht

3. Mai 2022 | Welttag der Pressefreiheit
Kommentar von Michael Praschma

Es sieht global schlecht aus mit der Pressefreiheit. In zwei der drei mächtigsten Staaten, Russland und China, ist sie praktisch nicht existent. In den USA verreckt sie auf dem Land still und leise, weil die Lokalzeitungen keine Existenzgrundlage mehr haben. Der UNESCO World Press Freedom Day bietet aber auch im deutschsprachigen Raum keinen Anlass zum Jubel – und in Vorchdorf?

Klären wir zuerst ein Missverständnis

Bedroht ist die Pressefreiheit nicht bloß durch staatliche Zensur, das Verbot bestimmter Medien oder die Kriminalisierung bzw. gar Ermordung von unbequemen Journalist*innen. Auch nichtstaatlicher Druck auf die Presse, etwa Angriffe auf Reporter*innen bei extremistischen Demonstrationen, ist noch nicht alles. Sehr oft ist es ein System von Zuständen, das der Pressefreiheit den Garaus macht, oft unspektakulär und schleichend. Das ganze Spektrum wird aktuell in den empfehlenswerten Berichten von „Reporter ohne Grenzen“ erkennbar.

Ich springe gleich nach Vorchdorf und überlasse es dem individuellen Interesse, sich die sattsam diskutierte Aushöhlung der Pressefreiheit auf österreichischer Ebene nochmals zu vergegenwärtigen (nur zwei Stichworte: Parteipolitik und ORF; Inseratenaffäre). Und bevor jetzt jemand abschaltet: Doch, die Situation in Vorchdorf ist kein Einzelfall, Österreich besteht ja aus unzähligen Vorchdörfern. Und ich habe das Privileg, knapp 10 spannende Jahre Lokaljournalismus vor einem Vierteljahrhundert mit gut einem Jahr INVO.report – auch nicht langweilig – vergleichen zu können.

„Du kannst sowas ja sagen; wir nicht so.“

Wenn ich heute über wen auch immer etwas Kritisches schreibe, kann es gut sein, dass mir die Person kurz darauf beim Einkaufen begegnet. Das diszipliniert schon etwas bei der Wortwahl. So ein wilder Hund bin ich nicht, dass ich jeden Respekt vermissen lasse. Aber deswegen bleibt es trotzdem mein Job, Dinge beim Namen zu nennen und mir Gedanken dazu zu machen.

Als kompletter Neuling – in Österreich, in Vorchdorf und bei der Salzkammergut Zeitung – hatte ich vor vielen Jahren über das Heldengedenken des Kameradschaftsbunds zu berichten. Eine eherne Tradition. Foto, getreuliche Wiedergabe des Ablaufs. Aber: mit einem Kommentar, in dem ich mein subjektives Befremden äußerte, dass eine Veranstaltung, die dem Frieden dienen sollte, mit militärischem Zeremoniell abgehalten wird, bei dem man der gefallenen Kameraden ausgerechnet mit (Salut-)Schüssen gedenkt. Also dem, was wohl das Letzte war, das diese Soldaten vor dem Sterben gehört hatten. Ganz höflich, aber … große Aufregung! Der Witz daran: Ein Mitglied der teilnehmenden Vereine, sonst eher für eine „große Klappe“ bekannt, sagte mir später: „Du hast Recht, das sehen nicht wenige genauso, aber du kannst das ja sagen; wir nicht so.“

Die Geschichte zeigt Einiges: Erstens, es geht, du kannst auch Kontroverses frei schreiben, und ich hatte mit dem damaligen Obmann des Kameradschaftsbunds bis zu seinem Tod ein ungetrübtes Verhältnis, nachdem wir uns ausgesprochen hatten. Zweitens, du kannst den Spielraum erweitern für Auseinandersetzungen, die ansonsten vor sich hin schwelen und irgendwann giftig werden würden. Drittens, beide Seiten müssen grundsätzlich dazu bereit sein. Es hat zu dieser Zeit mehrere hochbrisante Artikel in der „Salzerin“ gegeben, die nach diesem Muster Wirkung gezeigt haben.

Was würde der Vorchdorfer „Pressefreiheit“ guttun?

Über den Untergang der guten alten Zeiten der Ortsberichterstattung habe ich an dieser Stelle erst kürzlich ausführlich gejammert, das kann man nachlesen. Etwas, das mich allerdings heute nachhaltig erschüttert, ist: Nicht wenige, die uns Kommentare schicken, ersuchen mit nachvollziehbaren Gründen darum, nicht mit Klarnamen zu erscheinen. Das mag wenig heldenhaft erscheinen, ist aber egal, denn „unglücklich das Land, das Helden nötig hat“ (Brecht).

Dabei geht es nicht einmal um echtes Heldentum, denn das Risiko, für eine unliebsame Meinung ernsthafte Konsequenzen zu erleben, ist auf Gemeindeebene überschaubar. Aber ja, die Vorstellung, vielleicht beim nächsten Bau- oder Widmungsantrag Prügel zwischen die Füße zu bekommen, ist unerfreulich. Es geht dabei gar nicht um die tatsächliche Wahrscheinlichkeit, sondern darum, dass offenbar die Atmosphäre solche Befürchtungen schürt.

Man erlebt, wie die politischen Gegner miteinander umgehen, und da will man nicht in die Schusslinie geraten. Ich halte mich selbst da für einigermaßen abgebrüht und wehrhaft, aber selbst ich muss gestehen: Obwohl ich keine Leichen im Keller habe, erwische ich mich als INVO.report-Redakteur manchmal bei dem Gedanken, ob mir irgendetwas auf die Füße fallen könnte, was ich so schreibe.

Für eine Pressefreiheit, die mehr ist, als nicht ins Gefängnis zu müssen, ist so etwas nicht gedeihlich. Also für eine Pressefreiheit, die vielleicht sogar Lust auf konstruktive  Auseinandersetzung, einen Wettkampf der Ideen, Streitkultur macht. Dafür aber müssten wir aus dem Gemetzel heraus, und das ist schwieriger als man denkt.

Von Anfang an hat der INVO.report dafür geworben – und zwar allerseits – uns mit Ideen, Positivem, Projekten, die den Ort nach vorne bringen, zu versorgen. Vergebens. Wir haben bei manchen die schlechte Nachrede, ein Organ der Liste Vorchdorf zu sein. Das ist zwar Bullshit, aber insofern ein plausibler Verdacht, weil die uns immer wieder mit Themen beliefern, die durchaus Themen sind! Die Themen der anderen müssen wir uns mühselig zusammenkratzen.

Nein, wir fühlen uns nicht bedroht in unserer Pressefreiheit in Vorchdorf, das wäre eine absolut maßlose Klage. Aber gefördert sehen wir die Pressefreiheit  eben auch nicht. Dabei würde das der ganzen Gemeinde, der Gemeinschaft, dem vielbeschworenen Miteinander guttun. Daran soll an diesem Welttag auch in Vorchdorf erinnert werden.

2 Gedanken zu „Nein, Gefängnis droht uns in Vorchdorf nicht

  1. Michael Praschma Beitragsautor

    NACHTRAG: ÖSTERREICH – „KATASTROPHALER ABSTURZ“
    Kurz nach unserem Beitrag wurde bekannt, dass Österreich im Ranking der Pressefreiheit von Platz 17 auf Platz 31 aberutscht sei, teilte „Reporter ohne Grenzen“ laut ORF mit: https://orf.at/stories/3263223/

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    1. Franz Steinhaeusler

      Ich finde, das ist ein sehr guter Artikel geworden. Sehr treffend beschrieben – die allgemeine Situation sowohl im kleinen, regionalen Raum als auch der Staatenebene.

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